1. SLUB Dresden
  2. SLUBlog

SLUBlog

Kategorie: International

Ansichten: 155
0

Die Geographie der tropischen Hochgebirge: Fotografien von Carl Troll & Co. online.

„Eine durch Pracht, Größe und Eigenart ausgezeichnete Natur“ habe den deutschen Geographen Carl Troll (1899-1975) in den bolivianischen Anden „die Mühsalen der Vermessung, die eisige Kälte beim zehnstündigen Arbeiten am Instrument, ebenso vergessen [lassen] wie die Romantik des Lagerlebens“. Zusammen mit verschiedenen Begleitern, darunter der Bergsteiger und Geophysiker Karl Wien (1906-1937) und der Geologe Rudolf Schottenloher (1911-1944) erforschte Troll in den 1920er und 1930er Jahren die geographischen Zusammenhänge in den tropischen Hochgebirgen Südamerikas sowie Ost- und Südafrikas.

 

Das Portal „Weltsichten“ der Deutschen Fotothek präsentiert die fotografischen Nachlässe Carl Trolls (1899-1975), Karl Wiens (1906-1937) und Rudolf Schottenlohers (1911-1944) aus der Sammlung der Deutschen Fotothek. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Bilder ist Teil des im August 2015 begonnenen Projekts „Weltsichten – Digitalisierung und Erschließung fotografischer Archive bedeutender Forschungsreisender“, das von der Deutschen Fotothek der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) im Rahmen der Initiative DRESDEN-concept durchgeführt wird. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

 

Es sind vor allem die überwältigenden Dimensionen, die diese Bilder so faszinierend machen: Die trockene Weite der abflusslosen Altiplano-Hochebene in Peru, die majestätischen Abbruchkanten im äthiopischen Simien-Gebirge, aufgrund seiner eindrucksvollen Landschaft und der seltenen Tier- und Pflanzenwelt schon 1978 zu einer der weltweit ersten UNESCO-Weltnaturerbestätten ernannt. Aufnahmen der Wassermassen des Lago Poopó, die die Fruchtbarkeit der sonst oft karg wirkenden Naturräume versinnbildlichen. Der ehemals zweitgrößte See Boliviens galt 2015 durch den hohen Wasserverbrauch lokaler Bergbauunternehmen und der örtlichen Landwirtschaft als ausgetrocknet. Bilder des seltenen Anden-Edelweißes oder von Affenbrotbäumen verdeutlichen die hohe Vielfalt der endemischen Vegetation.

 

Der gesellschaftliche Alltag in diesen Regionen war im frühen 20. Jahrhundert vorwiegend agrarisch geprägt. Das zeigen Fotografien der Kartoffellese oder eines Feldes für Sorghumhirse. Darstellungen des Marktplatzes in der bolivianischen Stadt Potosi oder einer Eisenbahnbrücke auf der Strecke zwischen den eritreischen Städten Massaua und Biscia zeigen die Entwicklungsstände wirtschaftlicher Infrastrukturen. Fotografische Studien zum traditionellen Handwerk dokumentieren das Spinnen von Baumwolle oder die Herstellung von Chicha, ein im Andenraum konsumiertes Bier, das hauptsächlich aus Wasser und Maisstärke hergestellt wird. Insgesamt eröffnet sich ein beeindruckendes Panorama der geologischen, klimatischen, botanischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wechselbeziehungen in den Naturräumen und Lebenswelten der tropischen Hochgebirge Südamerikas und Afrikas in den 1920er und 1930er Jahren.

 

Carl Troll sah sich in der empirischen Tradition Alexander von Humboldts (1769-1859). Schon während seiner Südamerikareise von 1926 bis 1929 beobachtete er zahlreiche Einzelphänomene, die er im Laufe der Ost- und Südafrikaexpedition von 1933 bis 1934 zusammen mit Karl Wien (1906-1937) und der Italienisch-Ostafrikareise von 1937 mit Rudolf Schottenloher (1911-1944) zu einem umfassenden geographischen Gesamtbild zusammenfügte. Meist zu Fuß oder mit dem Reittier, zum Teil auch mit dem Automobil, dem Schiff oder der Eisenbahn gelangten die Forschungsreisenden in abgelegene Gegenden, wo sie Landschaften kartographierten, Klimadaten erhoben, Pflanzen für Herbarien sammelten und zusammen über 10.000 Fotografien aufnahmen.

 

Mehr als 8.000 Aufnahmen wurden überliefert und sind nun erstmalig über das Internetportal „Weltsichten“ der Deutschen Fotothek abrufbar. Zusammen mit dem Nachlass Carl Trolls im Archiv des Geographischen Instituts Bonn oder den online recherchierbaren Herbarien, die der Geograph unter anderem an verschiedene botanische Gärten und naturkundliche Museen in den USA verkaufte, ergibt sich die einmalige Möglichkeit einer systematischen und historischen Aufarbeitung zentraler Ergebnisse der geographischen Erforschung der tropischen Hochgebirge.

 

Insgesamt werden im Rahmen des Projektes Weltsichten rund 86.000 historische Aufnahmen aus den umfangreichen Fotosammlungen der Deutschen Fotothek der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Staatliche Ethnographische Sammlungen Sachsen auf der Internetplattform www.deutschefotothek.de/weltsichten online gestellt.

 

Der Gesamtbestand umfasst geografische, geologische, botanische und anthropometrische sowie ethnografische Motive, die von europäischen Forschungsreisenden aus der Zeit von 1870 bis 1960 stammen. Neben Troll, Wien und Schottenloher gehören zu den Bildautoren bedeutende Geografen und Ethnologen wie Hans Meyer (1858–1929) oder Egon von Eickstedt (1892–1965). Ihre Aufnahmen verdeutlichen das ausgeprägte Interesse für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen in außereuropäischen Regionen der Welt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Als historische Dokumente einer zunehmenden Globalisierung zeigen viele dieser Bilder zudem die Folgen des europäischen Kolonialismus. Das Erschließungsprojekt „Weltsichten“ möchte somit die kritische Auseinandersetzung mit eurozentrischen Betrachtungsweisen ermöglichen und multiperspektivische Sichtweisen auf die Welt eröffnen.

 

„Traurige Tropen“ nannte der französische Soziologe und Ethnologe Claude Lévi-Strauss (1908-2009) die Regionen in der heißen Klimazone, die seiner Ansicht nach schon in den 1930er Jahren akut durch westliche Einflüsse bedroht waren. Aus dieser Perspektive sind die Aufnahmen wichtige historische Bildquellen aus den tropischen Hochgebirgen, die im frühen 20. Jahrhundert noch relativ unberührt waren von den gravierenden Auswirkungen durch Urbanisierung, Klimawandel und Landwirtschaft. Indem sie die Einflüsse europäischer Kolonialmächte dokumentieren, zeigen sie jedoch auch die Anfänge dieser Entwicklungen. Letztlich werden den Aufnahmen weder pathetische Ergriffenheit noch kulturpessimistische Trauer gerecht. Für geographische Zwecke fotografiert ermöglichen sie vielmehr eine differenzierte Betrachtung der historischen Naturräume und Lebenswelten in den tropischen Hochgebirgen.

 

Bildquellen

 

www.deutschefotothek.de/documents/obj/71574889

www.deutschefotothek.de/documents/obj/71574927

www.deutschefotothek.de/documents/obj/71578123

www.deutschefotothek.de/documents/obj/71575181

 

Publikationen und Literatur in Auswahl

 

Schottenloher, Rudolf: Ergebnisse wissenschaftlicher Reisen in Äthiopien. II. Die Cercer-, Garamullata- und nördlichen Arrusi-Bergländer auf der Somali-Hochscholle. In: Petermanns geographische Mitteilungen, 85. Jahrgang, Gotha 1939, S. 265-277.

Troll, Carl: Anden und Cordillera Real. In: Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Bd. 60, Innsbruck 1929, S. 35-53.

Troll, Carl: Meine Anden-Expedition 1926-1929. In: Deutsche Forschung. Aus der Arbeit der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, Heft 13: Reisen und Ausgrabungen, Berlin 1930, S. 56-75.

Troll, Carl: Bericht über eine Forschungsreise durch das östliche Afrika. In: Koloniale Rundschau. Zeitschrift für koloniale Länder-, Völker-, und Staatenkunde, 26. Jahrgang, Heft 5, Berlin 1935, S. 273-306.

Lévi-Strauss, Claude: Traurige Tropen, Leipzig 1988. 

Ansichten: 229
0

Kunst in der Mittagspause: Ursonate to go

Die Mensagänger des Siedepunktes kamen am Mittag des 8. August 2017 in den Genuss einer ganz besonderen Vorspeise: Sie konnten direkt von der Warteschlange aus die Aufführung der Ursonate von Kurt Schwitters vor der Bereichsbibliothek DrePunct genießen, die die tschechischen Künstler PhDr. Jaromír Typlt (links im Bild) und Dr. Pavel Novotný dort zu Gehör brachten.

 

Das dadaistische Klanggedicht sorgte zunächst durchaus für irritierte Gesichter, ließ dann aber viele Essensuchende den knurrenden Magen vergessen und amüsiert und fasziniert zugleich einen Platz auf den Treppen vor der Mensa und Bibliothek einnehmen.

 

 

Anlass der Aufführung war die derzeit stattfindende Ausstellung zur Tschechischen Avantgardebuchkunst, die noch bis zum 31. August 2017 im Buchmuseum der SLUB zu sehen ist.

 

Foto: SLUB Dresden / Ramona Ahlers-Bergner

Ansichten: 156
0

Nachrichten haltbar machen – Die internationale IFLA-Satellitenkonferenz findet in Dresden statt

Am 16. und 17. August richtet die SLUB Dresden die IFLA-Satellite Conference zum Thema Nachrichtenmedien aus. Die Tagung befasst sich unter dem Titel „Relying on News Media. Long Term Preservation and Perspectives for Our Collective Memory“ in 19 Präsentationen und Vorträgen vor allem mit den Aussichten und Herausforderungen der Langzeitarchivierung von Nachrichtenmedien. Das Programm finden Sie hier.

 

Die Konferenzsprachen sind deutsch und englisch, alle Vorträge werden auch per Livestream über das Internet übertragen (www.slubdd.de/ifladay1 bzw. www.slubdd.de/ifladay2). Die Wissenschaftler und Teilnehmer erwartet darüber hinaus ein kulturelles Rahmenprogramm, welches verschiedene Anlässe zum kreativen Austausch bietet. Der diesjährige Weltkongress der IFLA findet anschließend vom 19. bis 25. August in Wroclaw, Polen, unter dem Motto „Libraries. Solidarity. Society.“ statt.

 

Die IFLA (International Federation of Library Associations and Institutions) ist die internationale Vereinigung bibliothekarischer Verbände und Einrichtungen, die derzeit mit 1.700 Mitgliedern aus 150 Ländern etwa 500.000 Bibliotheken repräsentiert. Sie vertritt die Interessen des Bibliotheks- und Dokumentationswesens und setzt sich für die Entwicklung qualitativer Bibliotheks- und Informationsdienste sowie die Förderung des freien Zugangs zu Informationen ein.

 

Dem jährlichen Weltkongress, den die IFLA organisiert, sind mehrere Satellitenkonferenzen in verschiedenen Ländern vorangestellt. Neben Deutschland als Tagungsland gibt es in diesem Jahr weitere Satellitenkonferenzen in Litauen, Rumänien, der Schweiz und der Slowakei.

Ansichten: 139
0

Das chinesische Hawaii – Internetportal Weltsichten präsentiert Fotografien von Hans Stübel

Aus heutiger Sicht klingen Hans Stübels (1885-1961) Worte über die tropische Insel Hainan im Südchinesischen Meer beinahe prophetisch. Es sei „höchste Zeit“, schrieb der Ethnologe im Jahr 1937 über die Li und andere dort ansässige ethnische Minderheiten, „die ursprünglichen Zustände zu beschreiben, ehe sie unwiederbringlich verloren“ gingen. Die Insel, die Stübel im Rahmen zweier Expeditionen vor knapp 85 Jahren erforschte, sei akut durch die nationalistische Kulturpolitik der Republik China bedroht. (Vgl. Hans Stübel: Die Li-Stämme der Insel Hainan. Ein Beitrag zur Volkskunde Chinas, Berlin 1937, S. 3)

 

 

 

Das Internetportal „Weltsichten“ der Deutschen Fotothek präsentiert den fotografischen Nachlass des Ethnologen Hans Stübel aus der Sammlung des Museums für Völkerkunde Dresden. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Bilder ist Teil des im August 2015 begonnenen Projekts „Weltsichten – Digitalisierung und Erschließung fotografischer Archive bedeutender Forschungsreisender“, das von der Deutschen Fotothek der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) im Rahmen der Initiative DRESDEN-concept durchgeführt wird. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

 

Es sind vor allem Aufnahmen von handgewebten, gebatikten oder mit
Stickereien versehenen Textilien
, die dem Betrachter von Hans Stübels Fotografien sofort ins Auge fallen. Traditionelle Muster auf Rockbahnen, Tüchern oder Blusen stellen stilisierte Pflanzen, Tiere und Menschen dar. Sie sind ein faszinierendes Abbild der Lebenswelt ihrer Träger. Zusammen mit Aufnahmen von Hüten, Fächern und Essstäbchen zeigen die Bilder die Alltagskultur der Inselbewohner. Gleiches gilt auch für die Aufnahmen von Ohrringen, Haarpfeilen und anderen
Schmuckgegenständen
sowie die von Speeren und Steinschleudern, die zum Jagen verwendet wurden. Portraits von Dorfbewohnern sollten die Bestimmung von Rassenmerkmalen ermöglichen, dokumentierten aber auch deren Kleidungstile. Die Bilder ritueller Objekte wie eines Hühnerbeinorakels oder der Trommel eines Dorfoberhauptes, verweisen auf die spirituelle Weltsicht.

 

Die agrarische Prägung der Inselkultur wird deutlich anhand der Darstellungen vom Pflügen der Reisfelder, der Gewinnung von Rohreis sowie durch Tuchweberei oder Tragetechniken, die Gestalt der Dörfer und Gehöfte sowie durch die Baustile von Wohn- und Vorratshütten. Zusammen mit zahlreichen Aufnahmen der tropischen Landschaft ergibt sich ein umfassendes Bild der traditionellen Kulturen und Lebenswelten auf Hainan in den 1930er Jahren.

 

Hans Stübel bereiste Hainan aufgrund der für moderne Verkehrsmittel nicht ausgebauten Infrastruktur vorwiegend zu Fuß und zwar auf schmalen Pfaden, begleitet von zwei Dolmetschern, einem Koch, einem Diener und sechs Trägern. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhr die tropische Insel jedoch einen rasanten politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Wandel. Einer zeitweiligen Besetzung durch japanische Truppen im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg folgte 1950 die kommunistische Herrschaft. Hainan wurde Teil der Volksrepublik China.

 

Am nachhaltigsten veränderte die Insel wohl die Ernennung zur größten chinesischen Sonderwirtschaftszone im Jahr 1988. Wer aktuell Fotografien von Hainan sucht, findet vor allem Aufnahmen von weißen Sandstränden, Kreuzfahrtschiffen und Luxusresorts. Hainan hat sich zu einer der beliebtesten chinesischen Tourismusregionen entwickelt, daher rührt auch ihr Spitzname „Hawaii von China“.

 

Für den Massentourismus sind die gebatikten Stoffe oder die Tänze der ethnischen Minderheiten auf Hainan oft nicht mehr als Folklore. In gewissem Sinne scheint sich Stübels Prophezeiung also bewahrheitet zu haben. Zugleich wird den traditionellen Kulturen auf Hainan von offizieller chinesischer Seite heute wieder ein höherer Wert beigemessen. Auch die UNESCO ernannte verschiedene lokale Traditionen wie Web- und Färbetechniken oder den sogenannten Brennholzsammeltanz der Li zum Weltkulturerbe.

 

Insgesamt werden im Rahmen des Projektes Weltsichten rund 86.000 historische Aufnahmen aus den umfangreichen Fotosammlungen der Deutschen Fotothek der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), Staatliche Ethnographische Sammlungen Sachsen (SES) auf der Internetplattform http://www.deutschefotothek.de/weltsichten online gestellt.

 

Der Gesamtbestand umfasst geografische, geologische, botanische und anthropometrische sowie ethnografische Motive, die von europäischen Forschungsreisenden aus der Zeit von 1870 bis 1960 stammen. Neben Stübel gehören zu den Bildautoren bedeutende Geografen und Ethnologen wie Hans Meyer (1858–1929), Carl Troll (1899–1975) oder Egon von Eickstedt (1892–1965). Ihre Aufnahmen verdeutlichen das ausgeprägte Interesse für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen in außereuropäischen Regionen der Welt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Als historische Dokumente einer zunehmenden Globalisierung zeigen viele dieser Bilder zudem die Folgen des europäischen Kolonialismus. Das Erschließungsprojekt „Weltsichten“ möchte somit die kritische Auseinandersetzung mit eurozentrischen Betrachtungsweisen ermöglichen und multiperspektivische Sichtweisen auf die Welt eröffnen.

 

Die historischen Fotografien, die der Ethnologe Hans Stübel während seiner Forschungsreisen auf Hainan in den Jahren 1931 bis 1932 aufnahm, sind ein wichtiger Beitrag für ein tieferes Verständnis der Kulturen der ethnischen Minderheiten auf Hainan. Ganz im Sinne Stübels ermöglichen seine Aufnahmen eine respektvolle und verantwortungsbewusste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den kulturellen Traditionen Li, Miao oder Ki.

Ansichten: 267
1

Vernunft, demokratische Spielregeln und verantwortungsvolle internationale Wissenschaft verdienen neuen Respekt.

Bei der Kundgebung "March for Science" am Sonnabend sprachen Dresdner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf dem Theaterplatz über die Werte und Grundlagen für die Erforschung unserer Welt. Wir dokumentieren im Folgenden Prof. Bürgers Rede:  

 

Liebe Teilnehmer des March for Science,

 

in den letzten zwei Jahren haben wir es in unserer Stadt und auch an anderen Orten und in anderen Ländern erlebt:

 

  • Redner machen Stimmung gegen Minderheiten und verbreiten nationalistische und rassistische Parolen – und viele jubeln ihnen zu
  • In sozialen Netzwerken werden abenteuerliche Unterstellungen, Beleidigungen und Behauptungen verbreitet – und viele Follower liken diesen Unsinn
  • Eliten werden verspottet, wissenschaftliche Warnungen etwa vor dem Klimawandel und seinen Folgen für unsere Gesellschaften werden geleugnet.

 

Diesen Entwicklungen sind wir nicht hilflos ausgesetzt. Vernunft, demokratische Spielregeln und verantwortungsvolle internationale Wissenschaft verdienen neuen Respekt.

 

Wer sich Urteile über andere erlaubt, muss die anderen Menschen kennen: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben“, soll Alexander von Humboldt einmal gesagt haben. „The most dangerous of all worldviews are those of the people who have never looked at the world.”

 

Und der wohl wichtigste deutsche Philosoph Immanuel Kant (dessen 293. Geburtstag wir heute feiern) hat die Menschheit schon 1784 zur Selbstaufklärung aufgefordert: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Vor 233 Jahren schrieb Kant weiter: „Faulheit und Feigheit“ sind die Ursachen, warum wir gerne falschen Vorbildern hinterherlaufen. Wörtlich schreibt er: „Es ist so bequem, unmündig zu sein.“ Kant forderte Freiheit, die Anerkennung der Menschenrechte und eine öffentliche Streitkultur – so könne ein Publikum langsam zur Aufklärung gelangen.

 

Angesichts der aktuell in vielen Ländern zu beobachtenden Anti-Aufklärung benötigen wir umso mehr einen offenen, freien, fairen Umgang miteinander, wir müssen nicht die Wahrheit behaupten, sondern selbstkritisch nach der Wahrheit suchen. Ja, wir müssen uns der Wahrheitssuche überhaupt erst würdig erweisen, indem wir zivilisiert miteinander umgehen. Auch dies ist nicht neu: der große deutsche Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing, Schriftsteller und Bibliothekar, hat uns dies schon vor 250 Jahren aufgetragen. Für mich ist er bis heute das wichtigste Vorbild aus Sachsen.

 

Was können Bibliotheken heute zur Wahrheitssuche, zur Freiheit der Wissenschaft beitragen? Bibliotheken stehen allen Interessierten frei offen, um die Erkenntnisse und die Irrtümer der Geschichte zu studieren. Die SLUB öffnet täglich von 8 bis 24 Uhr, Studierende aus aller Welt arbeiten hier Tag für Tag miteinander. In einer Woche eröffnen die Städtischen Bibliotheken ihr neues Domizil im renovierten Kulturpalast, mitten im Zentrum. Alle haben in dieser Stadt freien Zugang zu guter Information. Fakten, die Wahrheit findet man nicht einfach so im Netz, man darf Erkenntnisse auch nicht plagiieren, von anderen abschreiben – man muss sich Fakten und Erkenntnisse schon selbst erarbeiten.

 

Wir Bibliotheken fördern im digitalen Zeitalter das Open Access-Publizieren. Alle Menschen auf allen Kontinenten sollen freien Zugang zum Wissen erhalten, denn sonst wird die Kluft zwischen arm und reich, zwischen Gebildeten und digitalen Analphabeten nicht kleiner, sondern größer. Information ist eine öffentliche Aufgabe, sie bedarf mehr denn je demokratischer Kontrolle und Transparenz. Information darf weder zur Ware noch zur Propaganda verkommen. 

 

Liebe Teilnehmer des March for Science, lasst uns aus der Vergangenheit lernen und vermeiden wir, alte Fehler zu wiederholen. Schützen wir die demokratischen Menschenrechte, die Freiheit von Presse und Wissenschaft.

 

Let us protect democracy and freedom of the press and science around the world. All people on all continents should be given free access to knowledge, otherwise the gap between rich and poor will not be smaller, but larger.

 


Thank you very much. Vielen Dank.

 

 

Kommentare

sehr interesssant !
19.09.2017 13:35
Zugang zu Anchestry
19.09.2017 11:43
Lizenz
19.09.2017 11:14
Tolles Angebot - danke!
19.09.2017 09:18
Lieblingsbibliothek
18.09.2017 23:53

Social Media

Youtube Flickr

Kopieren Sie diesen Link in Ihren RSS-Reader

RSS 2.0 Nachrichten