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Autor: Julia Meyer

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Bücher und Joghurt - Literatur vermarkten. Börsenblatt und Neue Bücherschau online

Im Frankfurter Römer knallen die Sektkorken. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gibt bekannt, dass der Roman Archipel von Inger-Maria Mahlke den diesjährigen Deutschen Buchpreis erhält. Mit der Auszeichnung läutet der Börsenverein zugleich die von ihm veranstaltete Frankfurter Buchmesse ein. Wer nicht vor Ort ist, kann die Preisverleihung im Livestream verfolgen oder ein Video zur Shortlist mit Interviews der sechs Finalisten anschauen. In ihrer Rede dankt Mahlke ihrer Verlegerin Barbara Laugwitz, die Ende August vom Holtzbrinck-Konzern abgesetzt wurde, und unterstreicht den Unterschied zwischen Büchern und Joghurt. Warum tut sie das?

 

Der Erfolg der Literatur hängt entscheidend von ihrer Vermarktung ab, die Verlage, Buchhandel, Buchkritik und nicht zuletzt die Autorinnen und Autoren selbst mit vereinten Kräften im Literaturbetrieb forcieren. Selten spricht ein literarischer Text für sich, stattdessen lenken seine Paratexte unsere Rezeption. Mir fällt es zugegebenermaßen schwer, die literarischen Neuerscheinungen zu lesen, wenn ich das Exemplar in der SLUB ausleihe, denn ohne die auf dem Schutzumschlag präsentierten Paratexte kommt das Buch nackt daher. Mir fehlen neben der Aufmachung des Covers die Klappentexte zum Inhalt und zur Autorbiografie sowie das Autorenfoto, um den Text auf meiner literarischen Landkarte zu verorten. Nun könnte ich dankbar sein, die Lektüre unvoreingenommen beginnen zu dürfen, stattdessen fühle ich mich auf den ersten Seiten unsicher, denn ich habe mich an die durch die Aufmerksamkeitsökonomie gelenkte Rezeption gewöhnt. Wer nun denkt, es handle sich bei der literarischen Markenbildung um eine neumodische Erscheinung, den belehrt das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel eines Besseren.

 

Die SLUB digitalisiert für die Historische Kommission des Börsenvereins dessen 1834 erstmalig erschienenes Verbandsorgan, sodass sich die historische Entwicklung des Buchmarktes und seiner Werbung nachverfolgen und digital auswerten lässt. Damit stellen wir der Literatur- und Buchwissenschaft eine wichtige Quelle für die Analyse von Autorschaftsinszenierungen zur Verfügung. Das Börsenblatt versammelt im bibliografischen Teil sämtliche Neuerscheinungen und präsentiert im Anzeigenteil die typografisch individuell gestalteten Werbeanzeigen der Verlage. In den Zwanzigerjahren erlebt die Werbetypografie nach Hyperinflation und Währungsreform eine Blütezeit, sodass der Anzeigenteil einer Ausgabe bis zu 70 Seiten umfasst. Listet der bibliografische Teil die Neuerscheinungen urteilsfrei in alphabetischer Folge, zeigt sich deren Wertigkeit hingegen in der unterschiedlichen Ausstattung der Anzeigen.

 

Im Gegensatz dazu unterbreiten Literaturzeitschriften wie Die Neue Bücherschau ihren Leserinnen und Lesern Bemerkenswerte Neuerscheinungen, nehmen also eine eigene Bewertung vor und treffen eine qualitative Auswahl. Dafür entwickeln sie Kriterien, die ihren ästhetischen und kulturpolitischen Maßstäben entsprechen und vom herausgebenden Verlag durch Werbeanzeigen finanziert werden. Die zwischen 1919 und 1929 erschienene Neue Bücherschau zählt zu den politisch linksgerichteten illustrierten Literaturzeitschriften der Weimarer Republik und ist der jüngste Neuzugang in unserem Portal Illustrierte Presse. Als literaturkritisches Blatt stellt sie eine ergänzende Quellenedition zum Verbandsorgan des Börsenvereins dar, um die Autorschaftsinszenierungen in der Literatur der Zwischenkriegszeit umfassend analysieren zu können.

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Schreib mir mal ne Karte! Von analogen und digitalen Urlaubsgrüßen

Die Ferien haben begonnen, die Sachsen verreisen. Doch schreiben Sie noch Urlaubsgrüße an Ihre Lieben auf eine Ansichtskarte? Was früher gang und gäbe war, ersetzt heute das Posten von Urlaubsbildern auf Instagram.

 

Schreib mir mal ne Karte, warb Willi Kollo schon 1937! Es muss ja nicht gleich literarisch anmuten wie bei Jurek Becker Am Strand von Bochum ist allerhand los oder gar philosophisch wie Jacques Derridas Die Postkarte. Im Gegenteil: Gerade für die profanen Urlaubsgrüße interessieren sich Sprachwissenschaftler der TU Dresden wie Jan Langenhorst. Er studiert Germanistik und besuchte das Block-Seminar Digital Humanities? Gibt’s doch gar nicht!, das die SLUB für die TU Dresden durchführt. Anstelle einer klassischen Seminararbeit verfasste er einen Blogpost über die linguistische Analyse von Sprachmustern auf Ansichtskarten und übt damit zugleich das wissenschaftliche Bloggen in den Digital Humanities. Bloggen dient nicht nur der Vernetzung innerhalb der Fachdisziplin, sondern unterstützt darüber hinaus den Wissenstransfer in die Öffentlichkeit und den Dialog, so auch der folgende Gastbeitrag von Jan Langenhorst. Wenn Sie also Fragen oder Anregungen zum Thema haben, schreiben Sie ihm einen Kommentar – oder ne Karte!

 

Jan Langenhorst

Ansichtskarten im Fokus der Sprachwissenschaft

 

„Wir essen gut und reichlich…“

Schlagwortwolke mit häufigen Wörtern aus [anko]. Je größer ein Wort dargestellt wird, desto häufiger tritt es auf.Eine Ansichtskarte schreiben, das kann wohl jeder aus dem Stegreif: Das Wetter ist gut oder macht einem einen Strich durch die Rechnung. Man führt angenehme Gespräche mit den anderen Urlaubern - oder ist von ihnen genervt. Man wandert, isst, liegt am Strand und fährt Rad. Gerade diese Musterhaftigkeit macht die Ansichtskarte für die Sprachwissenschaft interessant.

 

Was macht die Ansichtskarte eigentlich zur Ansichtskarte?

Im durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie den Schweizer Nationalfonds geförderten Forschungsprojekt Textsortenentwicklung zwischen Standardisierung und Variation untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni Zürich und der TU Dresden seit April 2016 unter Leitung von Prof. Heiko Hausendorf (Zürich) und Prof. Joachim Scharloth (Tokyo, zuvor Dresden) in Zusammenarbeit mit Dr. Noah Bubenhofer (Zürich) die Sprache der Ansichtskarte. Einerseits soll erforscht werden, wie sich die Musterhaftigkeit von Textsorten definieren und erfassen lässt: Was genau unterscheidet eigentlich die Ansichtskarte von der Gebrauchsanleitung und die Gebrauchsanleitung von der Kurzgeschichte?  Außerdem lässt sich an den Karten nachvollziehen, wie sich die Muster dieses ‚Genres’ über die Jahrzehnte verändert haben – und damit auch die zugrundeliegenden Vorstellungen von Urlaub.

 

[anko] im Überblick: Welche Karten liegen vor und wer hat sie verfasst?

Dafür wurden rund 12.000 Ansichtskarten an der Universität Zürich digitalisiert. Anschließend wurden die Karten von Hand abgetippt und ihre Metainformationen erfasst, also z.B. das Ausgangs- und Zielland, das Datum, usw. Aus diesen Daten entstand [anko] – das AnsichtskartenKorpus. Als Korpus bezeichnet man in der Sprachwissenschaft eine große Menge an Text, die zur maschinellen Auswertung zur Verfügung steht.

 

 

Sprachlichen Mustern auf der Spur

Bei einer so großen Datenmenge kann es hilfreich sein, Daten auch grafisch darzustellen. Eine Wortwolke ist Ihnen bestimmt schon einmal begegnet – hier werden Wörter, die häufiger verwendet werden, größer dargestellt, seltene Wörter kleiner. So werden (sprachliche) Muster sichtbar und intuitiv erfassbar. Auch die (automatische) Erstellung von Graphen können uns Strukturen sichtbar machen, die uns vielleicht sonst gar nicht auffallen würden.

 

Zufrieden? Welche Adjektive treten im Zusammenhang mit den Nomen ‚Essen’, ‚Leute’ und ‚Wetter’ überdurchschnittlich oft auf?

 

Die Autorinnen und Autoren der Ansichtskarte bestellen nicht einfach nur „Viele“ oder „Herzliche“ Grüße – sie werden kreativ und erfinden neue Grüße, wie z.B. den Wandergruß.

 

Kreative Grüße: Die Autorinnen und Autoren der Ansichtskarte bestellen nicht einfach nur „Viele“ oder „Herzliche“ Grüße – sie erfinden neue Grüße, wie z.B. den Wandergruß

 

 

Bild 1: Schlagwortwolke mit häufigen Wörtern aus [anko]. Je größer ein Wort dargestellt wird, desto häufiger tritt es auf.

Bild 2: [anko] im Überblick: Welche Karten liegen vor und wer hat sie verfasst?

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Mit der AfD in die Herbstferien - Buchempfehlung "Endland"

Während die einen sich für das neue Semester startklar machen, gehen die anderen in die Herbstferien. Aus dem SLUB-Fachreferat Kinder- und Jugendbuch kommt deshalb zum Ferienbeginn eine Buchempfehlung für junge Leser sowie für Lehrkräfte im Fach Deutsch oder Politik – und zugleich für alle, die sich nach der U18-Wahl in Sachsen fragen: Warum wählen unsere Kinder die AfD in vielen Wahlkreisen zur stärksten Partei?

 

„Sich ein Land vorzustellen, in dem die AFD die Macht hat? Ein interessantes Gedankenexperiment!“, befand DIE ZEIT in ihrer Rezension des Jugendromans Endland wenige Tage vor der Bundestagswahl. Heute sehen wir dieses Szenario in greifbare Nähe gerückt. Der Journalist und promovierte Politikwissenschaftler Martin Schäuble führt es uns vor Augen.

 

Sein dystopischer Science-Fiction-Thriller spielt in Endland, das sich in den drei Jahren, nachdem die Partei Nationale Alternative an die Regierung gewählt wurde, bereits deutlich verändert hat. Der junge Soldat Anton bewacht die Grenzmauer, die Endland nun umschließt. Begeistert von der Nationalen Alternative und vom Selbstbewusstsein seines Landes radikalisiert er sich zunehmend. Seinem besten Freund Noah ist diese Politik verhasst, die Flüchtlingen keinen Schutz mehr bietet. Im letzten noch verbliebenen Flüchtlingslager Endlands lebt Fana, die nach ihrer Flucht aus Äthiopien ausgerechnet auf Anton trifft und sich mit ihm anfreundet. Als Anton einen tödlichen Anschlag auf die Flüchtlingsunterkunft ausführen soll, ist er gezwungen, sich zu entscheiden: für eine nationale Ideologie oder für seine Freunde.

 

Martin Schäuble, dessen Bücher wie Die Geschichte der Israelis und Palästinenser oder Black Box Dschihad stets auf den Empfehlungslisten für Jugendliteratur stehen, ist als Journalist an seinen Themen ganz nah dran. Er erlernte sein schriftstellerisches Handwerk als Volontär der Chemnitzer Freien Presse, wo er anschließend als Nachrichtenredakteur schrieb. Auch wenn der inzwischen vielfach prämierte Sachbuchautor nun bereits seinen zweiten Jugendroman vorlegt, verzichtet er beim Schreiben fiktiver Texte nie auf journalistische Recherche.

 

In Interviews für den Hanser Verlag sowie für den Radiosender rbb berichtet Schäuble ausführlich von seinen Vorbereitungen für „Endland“: „Ich habe in den rechten Milieus recherchiert, Pegida besucht, an Parteiveranstaltungen teilgenommen, mit Sympathisanten gesprochen und mit Mitgliedern. Ich bin nach Äthiopien gereist und habe dort wie hier mit Flüchtlingen aus den verschiedensten Ländern gesprochen.“

 

Wer mag, führt Schäubles "Gedankenexperiment“ weiter aus und fragt nach der Rolle wissenschaftlicher Bibliotheken wie der SLUB in Endland. Welche Maßnahmen werden wir dort ergreifen, um das „Deutsche Leitbild“ als bildungs- und kulturpolitischen Auftrag umzusetzen? Ob wir als Landesbibliothek weiterhin sämtliche Publikationen aus Sachsen archivieren? Als sogenanntes „Pflichtexemplar“ kam die 2001 im Eigenverlag veröffentlichte Studie von Martin Schäuble über die Sächsische Schweiz in unseren Bestand. Der Titel Rausgehasst. Rassismus und Neonazi-Terror in einer Touristenidylle ist zwar nicht im Buchhandel lieferbar und wird weder auf der Website des Autors noch in seinem Wikipedia-Artikel genannt, steht aber in der SLUB ausleihbar für Sie bereit.

 

Mit diesen Lektüreempfehlungen wünschen wir allen Schülern, Lehrern und Eltern schöne Herbstferien. Vielleicht gehen Sie mal wieder in der Sächsischen Schweiz wandern? Berg Heil!

 

Autorenfoto: www.stephan-roehl.de

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Iranische Poesie in Deutschland. Zweisprachige Lesung und Workshop am 21.6., 18.00 Uhr, SLUB

Was jeweils als Tabu und Grenzüberschreitung gilt, kann in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich definiert werden. Wenn Menschen fremder Kulturen zusammenkommen, gerät die Unkenntnis über die Tabus der Anderen leicht zum Stolperstein in der Kommunikation.

 

Als Rahmenprogramm zur wissenschaftlichen Tagung Taboo and Transgression  veranstaltet die SLUB eine öffentliche Autorenlesung samt Workshop zur zeitgenössischen persischen Literatur.  Zu Gast sind die in Deutschland lebende iranische Autorin Massumeh Ziai sowie der Übersetzer und ehrenamtliche Mitarbeiter der SLUB Lotfali Semino. Sie stellen iranische Kurzprosa und Lyrik vor, darunter auch die Romane Tarlan und Kellervogel der jüngst mit dem Liberaturpreis 2017 ausgezeichneten Autorin Fariba Vafi,  und erläutern im Publikumsgespräch den interkulturellen Kontext.

 

Der Workshop greift die Themenstellung der Tagung auf und befragt Autoren und Übersetzer nach Tabu und Grenzüberschreitung in den jeweiligen Literaturen sowie nach der Herausforderung, wie das Nichtsagbare zu übertragen sei. Das Brechen von Tabus kann auch eine spezifische Komik in der Literatur erzeugen, so dass der Abend nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam wird.

 

Zentralbibliothek, Zellescher Weg 18, Vortragssaal der Zentralbibliothek, Zellescher Weg 18

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Youtube-Star Firas Alshater: Ich komm auf Dresden zu. Autorenlesung am 22.6., 20.00 Uhr, SLUB

Seine süßen Zukar-Stückchen wie Was ist deutsche Leitkultur? oder Wer sind diese Deutschen erlangten Clickraten von über 2,5 Millionen. Firas Alshater ist ein Youtube-Star im Genre der Comedy. Der 26-jährige Schauspieler und Filmemacher regt künstlerisch den interkulturellen Dialog an und führt uns mit entwaffnender Heiterkeit deutsche Stereotype vor Augen.
Vor drei Jahren kam er selbst aus Syrien nach Berlin und erzählt nun in seiner Autobiografie Ich komm auf Deutschland zu von ganz persönlichen Momenten des Ankommens. Auf seiner Deutschland-Tournee ist er zu Gast in der SLUB und liest im Rahmen der vom ZfI ausgerichteten wissenschaftlichen Tagung Taboo and Transgression aus seinem Buch. Das lokale und internationale Publikum ist eingeladen, die Herausforderungen und Potenziale des Multikulti-Miteinanders zu diskutieren - und gemeinsam herzhaft darüber zu lachen.