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Die schöne Elb-Brücke und andere Erlebnisse - Johann Andreas Silbermann in Dresden

Vom 3. Mai 1741 an hielt sich der Straßburger Orgelbauer Johann Andreas Silbermann auf seiner Reise durch Mitteldeutschland für etwa 3 Wochen in Dresden auf (digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/111740/119/0/). Er besichtigte Kirchen, herrschaftliche Palais, Gärten und Kuriositätenkabinette, unternahm Ausflüge nach Pillnitz, Moritzburg und in die Sächsische Schweiz und nahm an einem reichhaltigen gesellschaftlichen Leben teil. Seine Erlebnisse hielt er in seinem Reisetagebuch fest. Manchmal notierte er nur kurz und knapp: „Kirchen in Dreßden / 1 Frauen Kirch. 2 Creutz Kirch. / 3 Sophyen Kirch. 4 Hoff Capelle. / In der Neustatt ist eine Kirche / Zu oster oder Fridrichs Statt auch eine Garnisons Kirche über der hauptwache. / Und in der vorstatt vor dem Pirnischen Thor sind die Waysenkirch, und bömische Kirch.“ (digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/111740/180/0/

Manchmal dokumentierte er sehr detailliert und umfangreich – für die Beschreibung des Grünen Gewölbes benötigte er 22 Seiten –, manchmal ergänzte er seine Aufzeichnungen um Skizzen:  

oder um Kupferstiche:

 

 (digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/111740/350/0/)

 

Über seinen Vetter Michael lernte er neben verschiedenen Honoratioren auch einige Musiker und Instrumentenbauer kennen, u.a. Johann Georg Pisendel, den Konzertmeister, und Johann Adolph Hasse, den Kapellmeister der Hofkapelle. Auf dessen Sofa beispielsweise erfuhr er einige private Details seiner Anstellung:

 

„d 19 May Machte ich dem H Kapellmeister Haßen eine visite, er ließ mich neben seine Frau die berühmte Faustina […] sitzen. Sie ist eine Venetianerin, und hat daselbst den Haßen geheurathet, welcher, wann ich mich recht besinne von Hamburg ist. Beyde bekommen monatlich vom König 500 Thlr., macht jährlich 6000 Thlr. Sie reist je zu weilen nach venedig und schleppet mit dahin was sie kan.“ (digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/111740/184/0/)

 

Einen besonderen Höhepunkt seines Dresdner Aufenthaltes dürfte der Besuch des höfischen Pfingstgottesdienstes dargestellt haben:

„Pfingst[sonntag] d 21 May Morgens um 8 Uhr gieng ich aufs schloß, und sahe den Hoff in Galla, um 9 Uhr gieng der Gottesdienst in der HoffCapelle an, sobald der König in dieselbe kam, fieng der lermen mit Paucken und Trompetten an und so gleich wurde vom Capellmeister Haasen die Musique auf geführt, es war dieselbe ungemein besetzt, und bestunde das gantze Orchestre aus 70 Personen. Es war das gantze Amt hindurch Musique, und vortreflich anzuhöhren wegen der besondern accuratesse und schönen Composition. einer von denen Castraten liesse sich gantz vornemblich biß ins g''' höhren. Unter der Verwandlung spielte der Virtuose Cataneo ganz allein ohne accompagnement ein Solo auf der Violin. Zu mittag speißte ich bey dem Clavesin Macher Gräbner zu mittag.“ (digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/111740/187/0/)

 

Kurz darauf allerdings war die Zeit zum Abschied gekommen und lebhaft schildert Silbermann, wie schwer allen Beteiligten die Trennung fiel:

„Weilen ich mir vorgenommen auf den Mittwoch von hier wider abzureyßen, so nahm ich Pfingstmontag allenthalben wo ich bekand war, abschied, und muste ich beym Director Reinhold noch einmahl speißen […] Pfingstdienstag 23, Mittags hielte mein Vetter Michael Silbermann einen schmaus, und lude etliche meiner Bekanten dazu, das unser 20 Person waren, er machte sich grosse Unkosten, indem er nebst den delicaten und vielen Essenspeisen mit lauter Wein tractirte, und dazu mußten solange daß Schmausen währete nemblich bis Mittwoch morgens um 5 Uhr Musicanten mit Waldhörnern und anderen Instrumenten Music machen. War Herr Vetter recht bemüht alles so anzuordnen damit nur viel darauf gehen möchte, und soffen sich etliche nach hoffmanier 2 Mahl voll und wurden wieder nüchtern. […] Nun giengen die gäste um 5 Uhr da das Pirnaische thor aufgieng nach hauß. ich ruhete auch eine Stunde, um 6 Uhr stund ich wider auf, und packte meinen Coffre. da dieses meine frau baase gewahr worden, kam sie zu mir und bate mich mit weinenden augen um gottes willen noch zu bleiben. […] H vetter [ließ] eine Kutsche bestellen und um 11 Uhr saßen wir ein, den weder er noch seine Frau wolten mich schon verlaßen, und H Gräbner setzte sich an meinen platz auf den Postwagen, da wir dan über die schöne Elb-Brücke durch die Neustadt dem Holländischen Pallais vorbey fuhren, über den Drachenberg und durch neudorff. Zu Reichenberg stiegen wir aus, und speißten zu mittag. Um die Schwermut zu vertreiben, ließ H vetter Musicanten komen. Es erinnerte aber der Postillion vielfältig mich auf den Postwagen zu setzen, indem er ferners keine Zeit mehr übrig hätte. Mein Herr Vetter und Baase wolten mich aber noch nicht verlassen, und waren so nidergeschlagen als wan sie einen einigen Sohn begleiteten. um sie nur einiger maßen aufzumuntern versprach ich von Berlin wieder nach dreßden zu komen, um meinen Weeg nach Hauß über Nürnberg zu nehmen. endlich da wir nach dippelsdorff kamen, erinnerte der Postillion wider daß ich mich aufsetzen solte, indeme er was die Pferde lauffen könten, eilen müste, da gienge erst das lamentiren an, und hab ich mein lebtag kein solchen zustand gesehen. H Vetter, der vorher seine Frau aufgemuntert, und sich noch imer frölich erzeigte, fienge dermasen an zu weinen, daß ihm die tränen häuffig aus den augen flossen, er war beym abschied nicht im stand mir ein einziges wort sagen zu können, indessen stiege ich aus der Kutsche, setzte mich auf den Postwagen, und schieden also von einander.“ (digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/111740/187/0/)

 

Von seinen Dresdner Erlebnissen zehrte Silbermann noch lange – seine Berichte versah er später mit Marginalien am Rand, um bestimmte Stellen schnell wiederfinden und noch einmal lesen zu können. Auch wir können seine Aufzeichnungen zum Nachvollzug nutzen, sie – wie einen Reiseführer – in die Hand nehmen und mit nur wenig Mühe das Dresden des 18. Jahrhunderts durch Silbermanns Augen erleben. Probieren Sie es aus! (digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/111740/119/0/)

2 Kommentar(e)

  • Gerhard Poppe
    01.06.2015 18:04
    Musik in der Hofkirche

    Aus dem Eintrag von Johann Andreas Silbermann über den Gottesdienst in der alten Hofkirche am Pfingstsonntag 1741 lassen sich manche interessanten Details entnehmen. Hasses Dirigat, Musik (von wem?) während des gesamten Hochamts (auch während der vom Zelebranten gesungenen Lesungen und Orationen?), Gesang eines einzelnen Kastraten (an welcher Stelle?) und schließlich Cattaneos Violinsolo während der Wandlung gehören dazu. Nur eine Frage läßt sich kaum beantworten: Wie fanden 70 Musiker auf der kleinen Empore der alten Hofkirche Platz? Daraus ergibt sich die übergreifende Frage nach der Genauigkeit von Silbermanns Beobachtungen. Wenn es eine kommentierte Edition dieses Tagebuchs geben wird (was zu wünschen ist), bin ich gespannt auf die Antworten.

    • Katrin Bicher
      03.06.2015 13:27
      Kontextualisierung der Aufzeichnungen Silbermanns

      Vielen Dank für diesen Kommentar! Gerade die vielen Detailbeschreibungen –
      die natürlich alle aus der Perspektive Silbermanns entstanden sind und
      insofern eine individuelle Sicht darstellen, deren Verallgemeinerung nur
      gestützt durch andere Beobachtungen geschehen kann – machen sein Journal in
      meinen Augen so lesenswert. Die durch sie allerorten aufgeworfenen Fragen zu
      verfolgen, dürfte meines Erachtens nicht nur ein spannendes interdisziplinär
      angelegtes Forschungsprojekt ergeben – das durchaus in einer kommentierten
      Edition dokumentiert werden könnte –, sondern vermag unser Bild von
      „Mitteldeutschland im 18. Jahrhundert“ sicher ganz generell zu bereichern. Ich bin also ebenso gespannt auf die Erkenntnisse einer wissenschaftlichen
      Auseinandersetzung mit Silbermanns Aufzeichnungen und freue mich, dass das
      Tagebuch zum Austausch anregt.

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