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Wettiner Prachtstammbaum in altem Glanz entfaltet: Die Restaurierung eines außergewöhnlichen Schatzes

Tolle Neuigkeiten aus unserer Werkstatt, passend zum heutigen 2. europäischen Tag der Restaurierung (13.10.2019): Lesen Sie hier den spannenden Bericht über die Wiederentdeckung und Restaurierung eines ganz besonderen Pergamentobjektes aus unserer Handschriftensammlung!

Vor sieben Jahren bestellte der Historiker Olav Heinemann die Handschrift Mscr.Dresd.J.13.m, einen „Stambaum … des gantzen hochloblichen Churfurstlichen vnd Furstlichen hauses der Durchlauchtigisten vnd Durchlauchten, Hochgebornen Fursten und hern, Der Hertzoge Churfursten vnd Fursten zw Sachssen …“ aus dem Handschriftenmagazin zur Benutzung in den Lesesaal Sammlungen der SLUB – eigentlich ein ganz alltäglicher Vorgang. Angesichts des Objekts, des auf etwa A3-Format gefalteten, in einer Mappe liegenden Stammbaumes auf Pergament war ihm und den beteiligten Mitarbeiter*innen der SLUB sofort klar, dass das Objekt nicht nur ein ganz besonderes war, sondern dass es auch nicht ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen ausgebreitet und betrachtet werden konnte. Die zur Unterstützung konsultierten Kolleg*innen der Restaurierung erwogen Möglichkeiten der Entfaltung und Restaurierung des Objektes.

Die Restaurierungswerkstatt der SLUB hat sich in den letzten Jahren auf die Restaurierung von Pergament spezialisiert. Ein Grund hierfür sind die im Bestand der SLUB befindlichen, circa 180 unikalen Pergamenthandschriften, welche in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 stark geschädigt worden sind. Die durch Wassereinwirkung verursachten Schäden reichen von Deformierung und Verblockung bis hin zu starker Fragmentierung mit Substanzverlust.

Um die Restaurierung von Pergamenthandschriften mit diesem komplexen Schadensbild zu ermöglichen, wurde ein internes Forschungsprojekt gestartet. Dieses war die Voraussetzung für eine sorgsame Benutzung und wissenschaftliche Erschließung des Bestandes. Dem vorausgegangen war der Bau einer deutschlandweit einmaligen, begehbaren Klimakammer, welche von Dr. Eva-Maria Stange, Ministerin für Wissenschaft und Kunst, 2015 übergeben werden konnte.

Zur Materialität von Pergament und dessen Restaurierung

Pergament ist eine gereinigte und gekalkte Tierhaut, welche bei der Herstellung gespannt auf einem Rahmen luftgetrocknet wird. Die Pergamenthaut reagiert stark auf Luftfeuchtigkeit und ist somit besonders empfindlich gegenüber Klimaschwankungen. Die Klimakammer lässt eine schonende und kontrollierte Konditionierung von Pergament zu, indem sie einen Anstieg der Luftfeuchtigkeit von 55% bis auf 95% relative Luftfeuchtigkeit über einen definierten Zeitraum erreicht. Damit ist es möglich, Pergament zu entspannen und flexibel zu machen, welches eine unabdingbare Voraussetzung für die anschließende Restaurierung ist.

Der Hauptfokus lag bei dem Forschungsprojekt zur Pergamentrestaurierung auf der Wiederherstellung des Formates, der Ergänzung von Fehlstellen durch Anfaserung und somit einer ganzheitlichen Blattbildung. Die Fehlstellenergänzungen sollten unter Berücksichtigung der konservatorisch-restauratorischen Aspekte auf materialverwandten Bestandteilen basieren und reproduzierbar herzustellen sein. Mittlerweile steht in Dresden ein in der Praxis erprobtes Pergamentangussverfahren zur Verfügung.

Restaurierung des Prachtstammbaums

Ungeachtet der umfangreichen Erfahrungen auf dem Gebiet der Pergamentrestaurierung stellte die Restaurierung des Stammbaumes aufgrund seiner Dimension einen Sonderfall dar. Das sensible Objekt mit einer Übergröße von ca. 2,40 x 1,50m ist aus 17 einzelnen Pergamenten zusammengefügt. Dies und die Form der Aufbewahrung führte über die Zeit zu vielfältigen Spannungen im Objekt. Diese Verwerfungen stellten auch eine unmittelbare Gefahr für die umfängliche Illuminierung dar, hier bestand das Risiko des Substanzverlusts.

Die SLUB-Kolleginnen Elisabeth Schubert und Rebekka Schulz führten die umfangreiche Restaurierung durch und schlossen sie 2018 erfolgreich ab. Als erster Bearbeitungsschritt musste der sechsfach gefalteten Pergamentplan ca. 18 Stunden bei 20°C und 70% relativer Luftfeuchtigkeit konditioniert werden. Nach und nach konnte der Plan aufgeschlagen und durch partielles Beschweren mit Gewichten niedergehalten werden.

Anschließend sollte sich der Pergamentplan mit einer parallelen Fixierung an der Ober- und Unterkante im senkrechten Zustand durch das Eigengewicht über mehrere Monate hinweg bei 19°C und 55% relativer Luftfeuchtigkeit sozusagen „aushängen“. Währenddessen wurde eine umfangreiche Schadensdokumentation erstellt, welche die Grundlage für ein abgestimmtes Restaurierungskonzept bildete.

Der Stammbaum wurde vorsichtig gereinigt sowie Fehlstellen und Risse gesichert.

Erst dann wurde nochmals eine Konditionierung des Objektes bei 20°C und 85% relativer Luftfeuchtigkeit über mehrere Stunden vorgenommen. Unter diesen kontrollierten Bedingungen war ein vorsichtiges Spannen möglich um die Verformungen zu reduzieren. Besonders in den Bereichen der Faltungen und Knicke war eine Festigung der instabilen Farb- und Schreibmittel unabdingbar. Parallel zu allen konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen wurde eine umfangreiche Dokumentation in Text und Bild angefertigt.

Eine weitere große Herausforderung war die geeignete Form der zukünftigen Aufbewahrung des Exponates. Hier wurde mit einer spezialisierten Firma ein Rahmen als Sonderanfertigung hergestellt, welcher die speziellen konservatorischen und restauratorischen Anforderungen berücksichtigt.

Entstehung und Provenienz

Der mit 400 Bildern und Wappen reich bebilderte großformatige Stammbaum des Hauses Wettin war von Kurfürst August (1526-1586) bei dem Merseburger Historiker Ernst Brotuff (1497-1565) beauftragt worden, der ihn zusammen mit dem Leipziger Maler Wilhelm Gulden (1548-1571) sowie einem weiteren Schreiber und einem Maler im Jahr 1563 anfertigte. Der Stammbaum zeigt die Ahnenreihe der Wettiner, beginnend beim Stammvater Sighard und bis in die 25. Generation, den Nachkommen des Auftraggebers, eine für die damalige Zeit gebräuchliche Darstellung der Herkunft zur Legitimation der eigenen Herrschaft.

Der Stammbaum ist ab 1587 und bis in das 17. Jahrhundert hinein in den Inventaren der Kunstkammer und – nach Neuordnung der Sammlung im 18. Jahrhundert – in den Katalogen der Kurfürstlichen Bibliothek nachgewiesen. Er hing nach seiner Übergabe an den Kurfürsten 1564 anfangs „… In dem außwendigen vorsaal zwischen der kunststuben und librarey“[1] im kurfürstlichen Schloss. Ab spätestens 1619 wurde das Pergament, eventuell bereits zu diesem Zeitpunkt gefaltet (?), „im anderen grünen Schrank“[2] im „kleinen Gemach gegen den Schlosshofe“ aufbewahrt. Über lange Jahre blieb er nahezu unbeachtet.

Nach Restaurierung, Digitalisierung und Einrahmung erstrahlt der Prachtstammbaum wieder im alten Glanz und steht der Wissenschaft und für Ausstellungen zur Verfügung. Hier finden Sie das Digitalisat!

 

[1] Die Inventare der kurfürstlich-sächsischen Kunstkammer in Dresden, hrsg. Im Auftrag der Staatlichen KunstsammlungDresden von Dirk Syndram und Martina Minning, Dresden 2010, hier: Das Inventar der Kunstkammer 1587, fol. 288r.

[2]Ebda.: Das Inventar der Kunstkammer 1619, fol.498r–499r.

 

Literatur:

 

 

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2 Kommentar(e)

  • Annett Czaja
    16.10.2019 16:04

    Ich finde, dass "SLUB-Kolleginnen" ein sehr eigenartiger bzw. unglücklicher Ausdruck ist. Warum sind sie nicht "Mitarbeiterinnen der Restaurierung" oder "Restauratorinnen"?

    • Annemarie Grohmann (SLUB)
      18.10.2019 10:43
      @SLUB-Kolleginnen

      Liebe Frau Czaja,
      vielen Dank, dass Sie Ihre Meinung mit uns teilen! Warum ist denn der Begriff "SLUB-Kolleginnen" aus Ihrer Sicht unglücklich? Es sind schließlich Kolleginnen, die für die SLUB arbeiten - hier geht es auch ein Stück weit darum, den Zusammenhalt stark zu machen. "Mitarbeiterinnen" ist ein sehr bürokratischer Begriff, an dieser Stelle deshalb nicht optimal. Und die Restaurierung kommt im Satz bereits vor....
      Herzliche Grüße!

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