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Offen ist besser: Wie und warum Open Access die Forschung voranbringt

Dr. Denise Dörfel arbeitet an der TU Dresden und engagiert sich für OSIP, die Open Science Initiative der Fakultät Psychologie. Im Interview mit unserer Kollegin Manuela Queitsch legt sie ein flammendes Bekenntnis ab und macht die Vorteile von Open Science und Open Access anschaulich.

Liebe Frau Dörfel, Sie arbeiten als Psychologin an den beiden Lehrstühlen für Differentielle Psychologie sowie Arbeits- und Organisationspsychologie der Fakultät Psychologie. Als Mitglied der Open Science Initiative haben Sie das OSIP RESEARCH TRANSPARENCY STATEMENT der Fakultät Psychologie der TU Dresden mit erarbeitet und gezeichnet. Da wird die gesamte Open Science Landschaft abgedeckt. Wie haben Sie in der OSIP die Grenzen zwischen OA und Open Science gezogen?

Open Access meint im engeren Sinne das Publizieren wissenschaftlicher Arbeiten in Fachjournals mit Peer Review, zu welchen der Zugang ohne Bezahlschranke möglich ist. Dies ist immer noch nicht selbstverständlich. Große Verlage, in denen die meisten Fachzeitschriften angesiedelt sind, richten allerdings immer häufiger komplette Open Access Zeitschriften ein oder ermöglichen es den Forschenden, ihre Arbeiten Open Access (oft gegen Gebühr) zu publizieren.

Open Science ist ein noch viel umfassenderes Konzept. Es bedeutet, nicht nur die am Ende einer Studie entstandenen wissenschaftlichen Manuskripte für alle offen zugänglich zu machen, sondern darüber hinaus das gesamte Vorgehen der zugrundeliegenden Studie für alle zugänglich und transparent zur Verfügung zu stellen. Dazu gehört, die Studie vor Beginn zu registrieren und dabei alle Fragestellungen und Hypothesen zu nennen (Präregistrierung). Weiter werden alle Studienmaterialien und Auswertungsskripte (Open Materials) sowie die anonymisierten Rohdaten (Open Data) so zur Verfügung gestellt, dass jeder und jede diese nutzen kann. Das heißt, die Daten werden wann immer möglich in einem offenen Format auf einschlägige Repositorien hoch geladen, so dass diese mit nicht-proprietärer Software verarbeitet werden können. Im wissenschaftlichen Paper wird dann transparent und so vollständig wie nötig das tatsächliche Vorgehen während der Studie beschrieben und auf die Repositorien verwiesen.

Wie wirkt sich Open Access auf Ihre Arbeit im Speziellen und die wissenschaftliche Publikationslandschaft im Allgemeinen aus? 

Open Access im engeren Sinne führt bei mir dazu, dass ich vor der Einreichung eines Manuskriptes nicht nur nach inhaltlichen Gesichtspunkten das Fachjournal auswähle, sondern zusätzlich darauf achte, dass es eine Open Access Option beim Journal gibt. Das macht die Auswahl geeigneter Journals schwieriger und führt manchmal zu erhöhten Kosten. Das Geld muss dann natürlich auch vorhanden sein, aber die (auch finanzielle) Unterstützung der SLUB hilft hier sehr. Der Einbezug von OA in unsere Publikationsstrategie führt auch dazu, dass wir uns eher gegen den Impact Factor als ausschlaggebendes Kriterium für ein Fachjournal entscheiden, sondern für die OA Option, und das macht sich dann auch auf der eigenen Publikationsliste bemerkbar. Open Science hat einen sehr großen Effekt auf meine Arbeit, da es vor allem in den Anfangsstadien einer Studie zu deutlicher Mehrarbeit führt, auch die Dokumentation von Prozessen erfordert mehr Mühe. Die Qualität der Forschung erhöht dies aber sehr stark und in den finalen Phasen einer Studie spart die anfängliche Mehrarbeit einiges an Zeit. 

Die wissenschaftliche Publikationslandschaft wird durch Open Science (inklusive OA) sehr bereichert. Die Qualität der Forschung steigt, die Nachvollziehbarkeit wissenschaftlicher Paper ebenfalls. Open Access macht uns die Verantwortung für die Gesellschaft noch deutlicher. Wir schreiben nicht mehr nur für die eigene wissenschaftliche Community, sondern unsere Arbeit wird potentiell sichtbarer für die Akteure in der Politik, Presse, etc. und damit auch für die Allgemeinheit.

Publizieren Sie und Ihre Forschungsgruppe generell schon OA? Achten Sie darauf, dass junge Forschende sich mit OA beschäftigen?

Ja, bereits in der Bachelorausbildung kommt Open Science und Open Access zur Sprache. Die Studierenden merken es ja auch selbst, wenn sie beginnen, nach wissenschaftlichen Papers zu suchen, dass sie gegen die Paywalls stoßen. In der Methodenausbildung der Psychologiestudierenden hat Open Science auch deshalb einen hohen Stellenwert. Die Studierenden erstellen selbst eine Präregistrierte Studie zusammen mit Open Data und Open Materials. Mit meinen CoAutor:innen spreche ich immer an, doch OA zu publizieren. Präregistrierungen, Open Materials und Open Data sind inzwischen in der Arbeit mit vielen Kolleg:innen Standard, meinen Doktoranden habe ich auch von Anfang an dazu motiviert. Da er selbst in der OSIP ist, war das allerdings sehr einfach.

Wie hilft Ihnen Open Access bei Ihrer Arbeit konkret?

Es hilft mir natürlich, viele relevanten Forschungsarbeiten meines Forschungsgebietes nachlesen zu können ohne an Paywalls zu stoßen. Die mühsame Suche nach den nicht-OpenAccess Volltexten auf anderen Web-Plattformen, auf den persönlichen Websites der Autor:innen oder die persönliche Kontaktaufnahme kostet Zeit. OA erspart dies. Auch mir als Autorin wird durch OA der zusätzliche Aufwand, meine Papers noch in persönlicher Kommunikation mit anderen Forscher:innen zu teilen, erspart. Auch wenn es natürlich schön ist, persönlich mit Kolleg:innen über der eigenen Arbeit in Kontakt zu kommen.

OA ermöglicht es aber vor allem Forschenden aus Ländern mit geringeren Budgets für Forschung relevante Arbeiten lesen zu können. Die Abos für Fachzeitschriften kosten die Universitäten sehr viel Geld, Schwellenländer können sich dies oft nicht leisten. Das führt dann u.U. dazu, dass die Forschenden nicht alle relevanten theoretischen und empirischen Arbeiten in ihre eigenen Forschungsarbeiten einbeziehen können und somit wiederum nicht ernst genommen werden von der jeweiligen Fachöffentlichkeit. Das ist sozusagen eine doppelte Diskriminierung dieser Forschenden.

Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, um Open Access bei den Wissenschaftler:innen zu fördern?

Es sollten keine Kosten für OA für die Wissenschaftler:innen/Lehrstühle/Wissenschaftseinrichtungen entstehen und es müssen noch mehr Verlage Open Access Journals anbieten. Die Verlage handeln hier noch sehr uneinheitlich, man versteht es meist nicht auf den ersten Blick. Ich denke, es braucht die großen Verlagsstrukturen nicht mehr unbedingt. Ein eher von Wissenschaftler:innen bzw. Wissenschaftseinrichtungen oder Fachgesellschaften getriebenes Publikationssystem mit Open Access als Standard könnte ich mir eher vorstellen. Die Kosten könnten von den Ländern weiterhin getragen werden, wenn die horrenden Kosten für die Zeitschriften-Abonnements wegfielen.

Was sind Ihrer Meinung nach Vorteile der verschiedenen Wege des Open Access? (Green, Golden Way)

Ich sehe den größten Vorteil im Golden Way. Wissenschaftler:innen werden weiterhin in renommierten Fachzeitschriften publizieren wollen und müssen, um in ihrer Karriere voran zu kommen. Die Websites der Fachzeitschriften sind also der erste Anlaufpunkt um nach veröffentlichten, wissenschaftlichen Studien zu suchen. Die gängigen Suchportale wie Web of Science durchsuchen auch nur diese Fachzeitschriften und leider noch nicht preprint-plattformen wie Qucosa oder BioArxiv, die man zum OA publizieren über den Green Way nutzen kann. Die Vorteile der preprint server dagegen liegen darin, dass Wissenschaftler:innen schon vor der peer-review Begutachtung (die längere Zeit in Anspruch nehmen kann) ihre Arbeiten publizieren und sichtbar machen können.

Was müsste Ihrer Meinung nach (noch mehr) getan werden, um OA an der TU Dresden voranzubringen?

Ich denke, es passiert schon viel. Die TU Dresden hat nun ein ReproducibiliTEA, das ist eine regelmäßige Veranstaltungsreihe/Treffen von Wissenschaftler:innen zum Thema Open Science, die SLUB ist sehr sichtbar mit dem OA Thema und unterstützt sehr gut beim Forschungsdatenmanagement (FDM) und bei Open Data. Die TU Dresden darf nicht nachlassen, eine Forschungs- und Publikationskultur zu entwickeln, die gemeinsame Einstellungen zum Thema OA/Open Science vermittelt. Durch die Open Access Resolution der TU Dresden ist dies ja schon begonnen worden. Ich denke, es ist aber noch nicht in allen Fakultäten und Instituten angekommen. Momentan passiert viel eher noch bottom up, wie zum Beispiel durch die OSIP der Fakultät Psychologie. Ich stelle mir vor, dass, vielleicht auch getragen durch die Graduiertenakademie (GA), gemeinsame, also TU weite, Leitlinien zum Publizieren von Qualifizierungsarbeiten entwickelt werden, die Open Access (möglichst Golden Way) und Open Data / Open Materials noch stärker verankern. Open Science Praktiken können noch mehr Einzug in die Weiterbildungsinhalte der TU und der GA halten. SFBs arbeiten teilweise schon in ihre Promotionsrichtlinien ein, das Promovierende verpflichtet sind, an Open Science Weiterbildungen teilzunehmen. Dies liegt sicher auch an den Entwicklungen bei der DFG. Auch durch die Richtlinien zum Forschungsdatenmanagement an der TU ist schon viel passiert, jetzt ist es wichtig, dies strategisch in allen Entscheidungsebenen zu verankern.

Was kann aus Ihrer Sicht die SLUB noch tun, um hier verstärkend zu wirken?

Das FDM-Coaching ist ein wichtiges Standbein, dass Arbeitsgruppen sehr helfen wird, die FDM Richtlinien in die tägliche Arbeit zu übersetzen. Den Mehraufwand der Zweitveröffentlichungen (OA Green Way) zu begleiten sehe ich auch als ein sehr hilfreiches Angebot der SLUB zum Erhöhen des OA Anteils an den wissenschaftlichen Publikationen der TU.


Frau Dörfel, wir bedanken uns herzlich für das ausführliche Gespräch und wünschen Ihnen in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit viel Erfolg.

Das Gespräch führte Manuela Queitsch, Fachreferentin für Psychologie und Wissensmanagerin der SLUB für den Bereich Mathematik und Naturwissenschaften der TU Dresden

 

 

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