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Restitution von NS-Raubgut: SLUB gibt Bücher an die Raoul Wallenberg Loge zurück

Sechs Bücher aus dem Eigentum von Logen des jüdischen Ordens B'nai B'rith (U.O.B.B.) fanden die Mitarbeiter:innen unseres NS-Raubgut-Projekts im Bestand der SLUB. Sie wurden 1937 und 1938 von den Nationalsozialisten geraubt und nun zurückgegeben.

Der Unabhängige Orden B'nai B'rith (U.O.B.B.) ist eine jüdische Organisation, die 1843 in New York gegründet wurde. B'nai B'rith (בני ברית) ist hebräisch und bedeutet „Söhne des Bundes“. Der Orden setzt sich für die Förderung von Toleranz, Humanität und Fürsorge ein. In einer frühen Satzung heißt es, dass er sich darum bemühe, „Juden zu vereinigen zur Förderung hoher und idealer Güter der Menschheit, den geistigen und sittlichen Charakter der Stammesgenossen zu stärken, ihnen die reinsten Grundsätze der Menschenliebe, der Ehre, der Vaterlandsliebe einzuprägen, Wissenschaft und Kunst zu unterstützen, die Not der Armen und Dürftigen zu lindern, die Kranken zu besuchen und zu pflegen, den Opfern der Verfolgung zu Hilfe zu kommen, Witwen und Waisen zu beschützen und in allen Lagen hilfreich beizustehen.“ Der Orden war insbesondere in der Wohlfahrtspflege tätig, richtete Waisen- und Sterbekassen ebenso wie Ferien- und Kindererholungsheime ein. Er ließ Lehrgärten anlegen und betrieb Wanderbibliotheken. 

Die erste deutsche Loge, die Deutsche Reichsloge, wurde 1882 in Berlin gegründet. In den folgenden 50 Jahren kamen weitere hinzu, sodass 1932 über einhundert Logen mit knapp 13.000 Mitgliedern existierten. Schon mit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur 1933 war der Orden Repressionen und Verfolgungen ausgesetzt. Im April 1937 wurden alle noch existierenden U.O.B.B.-Logen in Deutschland aufgelöst und ihr Vermögen beschlagnahmt.

Sechs Bücher aus dem Eigentum mehrerer U.O.B.B.-Logen, die wohl aus diesen Beschlagnahmen stammen, konnten im Bestand der SLUB identifiziert werden: von der Germania-Loge Halle (ein Band), von der Chemnitzer Saxonia-Loge (ein Band), von der Saar-Loge in Saarbrücken (ein Band) und von der Kant-Loge in Königsberg (sechs Bände).

Die Germania-Loge in Halle ist die zweitälteste deutsche U.O.B.B.-Loge und wurde bereits 1882 gegründet. Die Saxonia-Loge entstand 1900, die Kant-Loge 1910 und die Saar-Loge 1915. Jede der Logen dürfte über eine Büchersammlung verfügt haben. Bei den Stempeln der Saar-Loge und der Saxonia-Loge weist eine handschriftliche dreistellige Nummer auf eine durchgehende Nummerierung des Buchbestandes und einen gewissen Umfang der Sammlung hin.

Die Sächsische Landesbibliothek (SLB) als Vorgängerin der SLUB erwarb die Bände über einen längeren Zeitraum hinweg aus unterschiedlichen Quellen: Einen Band kaufte sie 1981 vom Halleschen Antiquariat, die anderen erhielt sie zwischen 1951 und 1993 als Geschenke von der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände bzw. von heute nicht mehr bekannten Lieferanten. Die Wege, die die Bücher von ihrer Beschlagnahme bis zum Erwerb durch die SLB nahmen, sind ebenfalls unterschiedlich und nicht mehr bis ins letzte Detail rekonstruierbar. 

Nur in einem Fall weist eine mit Bleistift eingetragene Nummer darauf hin, dass das Buch ins Reichssicherheitshauptamt gelangt war und dort vermutlich Teil einer sogenannten Gegnerbibliothek werden sollte. Die anderen Bücher sind wahrscheinlich in private Hände geraten. Dies könnte auch vor dem Verbot des Ordens B'nai B'rith geschehen sein, um Bücher vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen. Für eine Bewertung als NS-Raubgut wäre dieses Vorgehen aber nicht ausschlaggebend, denn entscheidend ist immer der Umstand, dass die nationalsozialistischen Repressionsmaßnahmen Auslöser für die Entwendung der Bücher aus der jeweiligen Büchersammlung waren.

Nur das Buch aus dem Eigentum der Germania-Loge enthält neben dem Logen-Stempel eine weitere Provenienz: einen als Autogramm anmutenden Stempel mit dem Namen „Dr. Oppenheimer“. Der Sanitätsrat Dr. Gustav Oppenheimer (1862–1930) war der Arzt der jüdischen Gemeinde in Halle und zwischen 1893 und 1896 zunächst Vizepräsident, dann bis 1897 Präsident der Germania-Loge. Auf sein Bestreben geht die Einrichtung eines Kinderheimes in der Döhlener Heide durch die Germania-Loge zurück. In Halle machte er sich besonders um die ärztliche Versorgung armer Familien verdient. Seine Frau Emilie (geb. Wahl, 1871–1944) wurde 1942 mit weiteren jüdischen Bürgern aus Halle ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort starb sie 1944 im Alter von 74 Jahren. Bei dem Buch handelt es sich um ein Geschenk, dass entweder Gustav Oppenheimer der Germania-Loge noch selbst vermacht hat, oder das die Witwe Emilie nach 1930 der Loge übergab.

Keine der Logen in Halle, Chemnitz, Saarbrücken und Königsberg wurde nach 1945 wiederbegründet. Als Rechtsnachfolger fungiert die 1979 gegründete Raoul Wallenberg Loge e.V. Berlin. Sie fördert wie ihre durch die Nationalsozialisten verbotenen Vorgänger Wohltätigkeit, Brüderlichkeit und Eintracht, tritt für die Belange des Judentums ein und möchte allen antijüdischen Kräften entgegenwirken.

Im Fall von erwiesenem NS-Raubgut betrachtet sich die SLUB als Nachfolgerin der SLB nicht als Eigentümerin der in ihrem Bestand befindlichen Objekte und bemüht sich um eine Rückgabe an die Eigentümer:innen bzw. oder um andere gerechte und faire Lösungen im Sinne der Washingtoner Erklärung von 1998.

Die an die Raoul Wallenberg Loge restituierten Bücher wurden im Rahmen des von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts „NS-Raubgut in den Erwerbungen nach 1945“ identifiziert.

Zum Weiterlesen

Leo Baeck/Alfred Goldschmidt/Artur Loewenstamm/Paul Rosenfeld, Zum 50jährigen Bestehen des Ordens Bne Briss in Deutschland: UOBB, Frankfurt a.M. 1933

Die Bücher

Max Grunwald, Die Hygiene der Juden: im Anschluß an die Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911, Dresden: Verlag der Historischen Abteilung der Internationalen Hygiene-Ausstellung, 1911 (4.A.2569)

Marie Stritt (Hg.), Der Internationale Frauen-Kongress in Berlin 1904. Bericht mit ausgewählten Referaten, Berlin: Habel 1905 (24.8.2664)

Joseph Feiner, Ludwig Philippson, sein Leben und sein Werk. Ein Buch für jung und alt, Berlin: Lamm, 1912 (24.8.2787)

Isaac Leib Peretz, Aus dieser und jener Welt. Jüdische Geschichten, Wien/Leipzig: Löwit 1919 (24.8.2874)

Moritz-Mannheimer-Stiftung (Hg.), Menschheitswerte und Völkerbund: 5 Preisarbeiten, Gotha: Perthes, 1920 (6.A.5040)

Verein für Jüdische Statistik/Alfred Nossig, Jüdische Statistik, Berlin: Jüdischer Verlag 1903 (37.4.695)

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