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Jeden Tag ein Kinofilm. Über 50.000 Film- und Tonminuten sächsisches audiovisuelles Erbe bereits gesichert

Vor einem Jahr startete das Programm zur Sicherung historischer Film-, Video- und Tonaufnahmen im Freistaat Sachsen. Heute haben wir in einer Pressekonferenz mit Staatsministerin Barbara Klepsch Bilanz gezogen.

Über achtzig Terabyte. Diese Datenmenge ist in den letzten zwei Jahren im Rahmen des Programmes „Sicherung des audiovisuellen Erbes in Sachsen“ aufgelaufen, das gemeinsam von SLUB und Filmverband Sachsen koordiniert wird. Oder, um die unvorstellbare Zahl etwas begreiflicher zu machen: Wer mit den Digitalisierungen Schritt halten will, müsste tagtäglich knapp anderthalb Stunden lang in der digitalen Mediathek der SLUB verbringen und gucken, gucken, gucken. Oder eben auch mit geschlossenen Augen hören: denn ein Gutteil der Schätze, die das Projektteam dieser Tage digitalisiert und ihre Datensätze in die Mediathek einpflegt, stammen von alten Magnettonbändern.

„Thematisch sind diese Schätze, die uns die großen und kleineren Museen und Sammlungen, aber auch einige Privatpersonen bisher angeboten haben, unglaublich vielfältig“, freute sich André Eckardt, der Projektleiter dieses Sicherungsprogramms, das sich seit 2019 den sächsischen Ton- und Filmschätzen annimmt. „Die Spanne reicht von poetischem Dokumentarfilm für das Kino über ethnologische Studien bis zu einem Film über das 400jährige Marienberger Stadtjubiläum im Jahre 1921.“ In Dresden digitalisiert und aufbereitet, wird dieser Film übrigens nächstes Jahr als Wiederuraufführung ein Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 500. Marienberger Stadtjubiläum sein.

350.000 Euro pro Jahr stellte das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus 2019 und 2020 zur Verfügung, damit Sachsens Bild- und Tonschätze ins digitale Zeitalter gerettet werden können. Barbara Klepsch, Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus: „Das Programm ist aus Sicht des Freistaates sehr wertvoll, denn die Aufnahmen sind ein wichtiger Bestandteil unseres Kulturgutes. Das Besondere sind die einzigartigen Einblicke in die originalen Filme und Tonaufnahmen, die von besonderem landesweitem Interesse sind und über die Landesgrenzen hinaus wirken. Diese zu erhalten, ist jedoch nicht nur aus wissenschaftlicher und kultureller Sicht von großer Bedeutung, sondern auch ein wichtiger Baustein für die Identifikation der Menschen mit ihrer sächsischen Heimat“.

 

Dr. Achim Bonte, Generaldirektor der SLUB, fügte hinzu: „Audiovisuelle Zeugnisse aus der vordigitalen Zeit enthalten einen enormen Wissensschatz, den wir langfristig bewahren und leicht zugänglich machen sollten. Das sächsische Programm zur Erhaltung des audiovisuellen Erbes ist eines der ersten auf Länderebene und ergänzt vortrefflich das bewährte Landesdigitalisierungsprogramm für Wissenschaft und Kultur des Freistaats. Es setzt damit den schon bisher verfolgten Kurs fort, die Herausforderungen der digitalen Transformation in Sachsen möglichst abgestimmt und auf einheitlicher technischer Grundlage anzugehen.“ 

Die Digitalisate der alten Magnettonbänder, Filme und Videokassetten, die im Rahmen des Projekts aufgearbeitet und katalogisiert werden, sind  nach und nach in der Online-Mediathek der SLUB zu finden und werden ab 2021 auch auf Sachsens zentraler Plattform sachsen.digital abrufbar sein. Dafür entwickelt die SLUB gerade einen neuen digitalen Audio- und Videoplayer.

Die Digitalisate zeichnen ein vielfarbiges Geschichtsbild des Freistaates Sachsen: von den goldenen Stimmen gefeierter Semperoper-Diven bis hin zu pragmatischen Gesundheits- und Erziehungstipps vom Heuschnupfen über schmerzarme Geburt bis zum Umgang mit dem Jugendproblem der Halbstarken, die in den fünfziger und sechziger Jahren über den Äther gingen. Letztere stammen aus dem Archiv des Deutschen Hygiene-Museums, ein bislang weitgehend unentdeckter Forschungsschatz, wie die Sammlungsleiterin Susanne Roeßiger bemerkte: „Wir freuen uns, dass nun im Rahmen des sächsischen Programms zur Erhaltung des audiovisuellen Erbes u. a. alle im Deutschen Hygiene-Museum noch auf Magnettonbändern überlieferten ca. 130 Radio-Kurzvorträge digitalisiert werden konnten. Diese Digitalisierung ist zum einen essentiell für den langfristigen Erhalt der Vorträge. Zum anderen können wir sie endlich hören, dokumentieren und einordnen. Die historischen Tondokumente sind jetzt zugänglich und stehen für Ausstellungen, Forschungsvorhaben, historische Dokumentationen in den Medien usw. zur Verfügung.“

 

 

Ein weiteres Digitalisierungsprojekt wurde ebenfalls kürzlich abgeschlossen: 33 Schmalfilme, die der Solobratscher Alfred Schindler auf Dutzenden von Konzerttourneen der Sächsischen Staatskapelle von 1955 bis 1983 mit einer Handkamera aufnahm. Die Filme aus Familienbesitz zeichnen ein authentisches Bild der damaligen Kapellreisen und porträtieren Land und Leute mit ganz besonderer Wirkung für Schindlers privates Umfeld im Dresden jener Zeit: „Die Filme, die mein Vater von seinen Reisen mit der Staatskapelle mitbrachte, waren für uns Kinder ein faszinierendes Fenster in die weite Welt. Seine Kollegen im städtischen Trubel von London oder Tokio zu sehen – darüber staunten wir in einer Zeit, in der solche Reiseziele für uns unerreichbar schienen. Nach der Wende haben wir dann einige seiner Tourneeorte selbst besucht. Die Filme waren der Anlass dafür. Es ist natürlich schade, dass mein Vater die Veröffentlichung nun nicht mehr selber erleben kann – aber doch sehr schön, dass seine Erinnerungen auf diese Weise weiterleben“, sagte Gabriele Schacht, die Tochter des Filmemachers. Von ebenso großer Bedeutung sind die Konzertfilme für die wissenschaftliche Erschließung. Janine Schütz, Leiterin des Historischen Archivs der Sächsischen Staatstheater: „Die privat gedrehten Schmalfilme unseres langjährigen Solobratschers Alfred Schindler stehen nun neben den 'offiziellen' Film- und Fernsehmitschnitten, die von der Staatskapelle aufgenommen wurden, und zeigen Kapellgeschichte aus einem ganz besonderen Blickwinkel. Hier werden die Orchestermitglieder, die allabendlich gemeinsam den berühmten Kapellklang herstellen, ganz privat sichtbar.“

Sie finden die neuen Projekte in unserer Mediathek unter Staatskapelle Tourneefilme und Audiobestände DHMD.

Künftig sollen weitere Digitalisierungsvorhaben folgen. Sie haben eine Anregung dafür oder vielleicht sogar selbst historische Film-, Video- und Tonaufnahmen daheim? Dann melden Sie sich bei uns! Denn wir sind sicher: Viele unscheinbare Kartons mit Film-, Video- und Tonschätzen sind noch ungeöffnet. Lassen Sie uns diese Schätze gemeinsam heben!


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