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Rückgabe von NS-Raubgut: SLUB gibt Buch aus dem Eigentum von Susanne Türck zurück

Ein Buch aus dem Eigentum Susanne Türcks konnten die Mitarbeiter:innen der Abteilung Handschriften, Alte Drucke und Landeskunde und des NS-Raubgut-Projekts identifizieren. Susanne Türck wurde als Jüdin verfolgt und emigrierte 1933 nach Großbritannien. Mitte Juni 2022 gab die SLUB den Band an die Erbin zurück.

Im Zuge der Bearbeitung der Exlibris im Altbestand der SLUB fand eine Kollegin der Abteilung Handschriften, Alte Drucke und Landeskunde in Adolfo Padovans Le origini del genio: con cinque tavole ein durch das Etikett der Stadtbibliothek Leipzig fast vollständig überklebte Exlibris vor. Das Ablösen des oberen für eine vollständige Ansicht des unteren Provenienzmerkmals war nicht möglich. Erst eine ebenfalls im Buch enthaltene weitere Besitzspur führte die Kollegin zum Exlibriseigner.

 „Ad Hermann Türck. Omaggio di Adolfo Padovan. Milano, 1910 (italienisch: An Hermann Türck. Geschenk von Adolfo Padovan. Mailand, 1910.)“ Die Widmung gibt Aufschluss, dass der Autor Adolfo Padovan das Buch im Jahr 1910 Hermann Türck schenkte. Der Literaturwissenschaftler Hermann Türck, geboren 1856, lebte in Weimar und forschte zu Goethe, insbesondere zu dessen »Faust«-Dramen. Eine erste Recherche führte zum Restitutionsfall Dr. Susanne Türck an der Klassik Stiftung Weimar. Die dortigen Provenienzforscher identifizierten 189 Bände (Stand Mai 2020) aus der Privatbibliothek Hermann Türcks im Bestand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Einige von diesen tragen neben dessen Autogrammen auch eine der zwei Exlibris-Varianten von Hermann Türck. Anhand eines Vergleichs war es nun möglich, das in der SLUB überklebte Exlibris doch seinem Eigner zuzuordnen: Hermann Türck.

Aus der Weimarer Falldokumentation geht hervor, dass bei den Büchern aus dem Vorbesitz Hermann und Susanne Türck von einem hohen Verdacht auf NS-verfolgungsbedingten Entzug auszugehen ist. Der Literaturwissenschaftler Hermann Türck erkrankte 1929, sodass seine im Jahr 1905 geborene Tochter Susanne nach Abschluss ihres Studiums nach Weimar zurückkehrte, um den Lebensunterhalt für sich und ihren Vater zu finanzieren. Die promovierte Anglistin arbeitete ab 1931 an zwei privaten Schulen in Weimar als Lehrerin. Als Hermann Türck im April 1933 starb, erbte seine Tochter die Bibliothek. Im selben Monat erließen die Nationalsozialisten das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums«, in dessen Zuge Susanne Türck Angaben zu sich und ihrer Familie vorlegen musste. Hier erklärte sie, dass ihre Großeltern väterlicherseits beide jüdischer Herkunft waren. Ihr Vater Hermann Türck war zum Protestantismus konvertiert, Susanne Türcks Mutter war evangelisch. Susanne Türck galt als „Halbjüdin“ und wurde für den Schuldienst als nicht einsetzbar eingestuft. Die Bücher, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, hatte sie sehr wahrscheinlich verkauft, um ihre Flucht aus Deutschland nach Großbritannien im Oktober 1933 zu finanzieren. Susanne Türck überlebte den Holocaust.

Aufgrund des Verdachtes auf NS-Raubgut unterstützen die Mitarbeiter:innen des aktuellen NS-Raubgut-Projektes bei der weiteren Fallbearbeitung, um den Weg des Buches nach dem Verkauf durch Susanne Türck zu rekonstruieren und die Restitution einzuleiten.

Ein datierter Hinweis auf den Verbleib des Buches findet sich im Zugangsbuch der Leipziger Stadtbibliothek: Letztere kaufte den Band im Jahr 1947 bei der Buchhandlung Emil Rohmkopf (Leipzig) an. Seit wann die Buchhandlung Rohmkopf im Besitz des Buches war, ließ sich bisher nicht rekonstruieren. Im Zugangsbuch der Leipziger Stadtbibliothek ist ebenfalls die Abgabe des Buches an die Karl Marx Universität (Leipzig) in den 1950/60er Jahren dokumentiert. Von dort gelangte es im Juli 1985 über die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (ZwA) an die Deutsche Staatsbibliothek (Berlin-Ost). Scheinbar vermittelte die ZwA die Abgabe an die Sächsische Landesbibliothek (SLB) im Jahr 1990. Laut Standortkatalog der SLB Dresden ist der Band als Geschenk über die ZwA in den Bestand gekommen.

Einige dieser Zwischenstationen lassen sich auch direkt im Buch mittels Provenienzmerkmalen bestätigen:

Auf Basis der Forschungsarbeit an der Klassik Stiftung Weimar war eine Zuordnung zu den Vorbesitzer:innen des Bandes und die Klärung des Provenienzverlaufs des in der SLUB gefundenen Bandes möglich. Dank der Unterstützung aus Weimar konnte ebenfalls schnell Kontakt zu der Erbin von Susanne Türck hergestellt werden. Die SLUB freut sich, ihr das Buch im Juni 2022 zurückgeben zu können.

Dieser Fall zeigt zugleich, dass Verdachtsfälle auf NS-Raubgut auch im „Alltagsgeschäft“ der SLUB vorkommen und entsprechendes Fachwissen von Nöten ist. Wird letzteres nicht dauerhaft am Haus etabliert, sondern nur durch befristete Projekte gewährleistet, besteht die Gefahr, dass trotz bestehender Aufmerksamkeit und Sensibilität der Bibliotheksmitarbeiter:innen gegenüber dem Thema Fälle nicht immer weiterbearbeitet und Bücher im Sinne der Washingtoner Prinzipien nicht restituiert bzw. keine fairen und gerechten Lösungen gefunden werden können.

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