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Musikstadt Chemnitz? – Musikstadt Chemnitz!

Musikstadt Chemnitz – das passt durchaus. Neben Industrie und bildender Kunst prägt Chemnitz seit langem schon ein reichhaltiges Musikleben.

Walter Möbius: Chemnitz. Theaterplatz mit Museum (1906/1909), Oper (1906/1909), Petrikirche (1885/1888) und Chemnitzer Hof (1928/1930) (von links nach rechts), 1955.04 (Ausschnitt)

Walter Möbius: Chemnitz. Theaterplatz mit Museum (1906/1909), Oper (1906/1909), Petrikirche (1885/1888) und Chemnitzer Hof (1928/1930) (von links nach rechts), 1955.04 (Ausschnitt)

Musikstadt Chemnitz – bevor die sächsische Metropole als Europäische Kulturhauptstadt 2025 mit einem beeindruckenden Programm, in dem Musik in all ihren Varianten natürlich nicht fehlt, den Blick auf das lebendige Kulturleben der Stadt gelenkt hatte, brachte wohl kaum jemand diese beiden Begriffe miteinander in Verbindung.

Vielleicht nicht ganz zu Recht.

Für die Musikgeschichtsschreibung spielte Chemnitz eine in der Tat bisher eher randständige Rolle. Zwar gab es in den vergangenen Jahrhunderten ein solides, nämlich ganz übliches, städtisches Musikleben mit seit 1488 verbürgten Turmbläsern, die bald zur Stadtpfeiferei erweitert wurden, mit Kantoren und Organisten, die die gottesdienstliche Musik, aber auch den Musikunterricht an den Schulen besorgten. Und einige später namhaft gewordene Musiker stammten aus Chemnitz, unter ihnen, am berühmtesten vielleicht, Christian Gottlob Neefe, Beethovens Bonner Lehrer. Allerdings: Geblieben ist und für ein reicheres Musikleben engagiert hat sich kaum ein Musiker. Vielleicht fehlte der Stadt das Geld – musikhistorisch sind die finanziellen Sorgen der Stadt im 17. Jahrhundert durch die Heinrich-Schütz-Biographik bekannt – oder das Profilierungs-Interesse lag schlicht auf anderen Gebieten, was angesichts der Nähe der Musikzentren Leipzig, Dresden, aber auch Freiberg oder Zwickau eine womöglich gesündere Haltung war, als sich in eine investitionshungrige Konkurrenz zu begeben. Musikhistorisch hat Chemnitz über Jahrhunderte hinweg so vor allem als Sprungbrett gedient: Von hier aus brachen Talente auf, um andernorts besser dotierte Stellen zu besetzen und Karriere zu machen.

Aber auch, wenn es nicht dank großer Namen und berühmter Werke im Rampenlicht des kulturhistorischen Interesses stand: Chemnitz besaß natürlich ein Musikleben. Und das blühte, bürgerlich getragen, zunehmend auf.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts etablierte das Chemnitzer Stadtorchester ein überregional beachtetes städtisches Konzertleben und erreichte eine solche künstlerische Qualität, dass es um 1900 regelmäßig nach Dresden und Leipzig eingeladen und in den umliegenden kleineren Städten wie Zwickau, Glauchau oder Plauen zu Abonnementskonzerten verpflichtet wurde. 1907 reagierte der Stadtrat auf diese gewachsene Bedeutung und stellte die Musiker fest für das Orchester an, die nun von kirchlichen und schulischen Pflichten entbunden waren und sich ausschließlich der künstlerischen Arbeit im Stadt-Orchester widmen konnten. Fruchtbar wurde diese Entwicklung schnell zum Beispiel in der Funktion als Theaterorchester im 1909 eröffneten Opernhaus, das bald überregional auszustrahlen begann. Mit Richard Tauber (Adoptivvater des gleichnamigen Sängers) erhielt die Stadt zudem einen Intendanten, der dem Chemnitzer Musiktheater bald einen den großen Bühnen in Berlin, München und Dresden ebenbürtigen Ruf sicherte.

Daneben entwickelte sich im semiprofessionellen und Laienmusikleben eine enorme Energie, wobei die ausgeprägte Chormusikpflege mit einer frühen Bach- und Schützrenaissance einherging. Chemnitz war bald Austragungsort nicht nur großer nationaler Chortreffen und -feste, sondern 1907 auch – nach Berlin, Leipzig und Eisenach – des 4. Deutschen Bachfestes der Neuen Bachgesellschaft und damit als wichtiges musikalisches Zentrum in vieler Munde. Die Chormusik spielte auch in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, häufig auf privatem Engagement fußend und  Hand in Hand mit einer bedeutenden Kirchenmusikpflege, in Chemnitz eine herausragende Rolle. Und im staatlich getragenen Sektor festigte sich der Ruf von Chemnitz, nun Karl-Marx-Stadt, als Musikstadt, mit erstklassigen Klangkörpern und Spielstätten ausgestattet, seit den 1950er Jahren nicht zuletzt dadurch, dass etliche wichtige Ur- und DDR-Erstaufführungen hier stattfanden.

Musikstadt Chemnitz - schon lange also ist das keine seltsame Begriffskombination, sondern konsequente Beschreibung eines reichhaltigen Musiklebens.

Veranstaltungshinweis: Chemnitz.Komponieren.Heute - am 4.12.2025 präsentiert das Neue Klaviertrio Dresden um 19 Uhr im Klemperersaal der SLUB Kammermusik von Friedrich Goldmann, Malin Bang, Ekkehard Klemm, Rainer Kunad, Torsten Reitz und Jonas Otte.

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