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190 Jahre Buchmuseum – Schätze zeigen, Geschichten teilen

Mit allen Sinnen erfahren: Riechstation im Buchmuseum, 2025. Foto: André Wirsig
Vom Zeigen und Schützen
Üblicherweise ist es umgekehrt: Museen besitzen Bibliotheken. Dass eine Bibliothek ein Museum betreibt, verweist auf ein besonderes Selbstverständnis: Bücher, Notenblätter und Fotografien werden nicht als bloße Informationsträger verstanden, sondern als ästhetische Objekte, kulturelle Artefakte und historische Zeugnisse.
Die Wurzeln dieses Gedankens reichen weit zurück. 1788 wurde die Vorläuferin der SLUB, die kurfürstliche Bibliothek zu Dresden, „öffentlich“. Mit der wachsenden Zahl an Leser:innen wurden die schönen Bibliotheksräume im Japanischen Palais zunehmend zu Orten des Staunens – und die wertvollen Bücher zu Opfern ihrer eigenen Attraktivität. Das häufige Vorzeigen setzte ihnen zu.
Constantin Carl Falkenstein, damals Oberhofbibliothekar, reagierte im Jahr 1835 – vor 190 Jahren – mit einer ebenso nüchternen wie folgenreichen Maßnahme. Zwei Glasstürzen erlaubten es fortan, besonders kostbare Objekte zu präsentieren und zugleich vor weiterer Beschädigung zu bewahren. Falkenstein selbst sprach bald vom „Zimelienzimmer“, dem Zimmer der Kostbarkeiten. Ein Raum, von dem nur ein einziges unscharfes Foto überliefert ist, der aber den Beginn einer bis heute andauernden Ausstellungstradition markiert.
Von Glasstürzen und Gemeinsinn
Glasstürzen also. Reicht das, um ein Buch zum Exponat zu machen? Und einen Raum zum Museum? Die Frage ist nicht nur historisch. Was ein Museum ist, bleibt auch heute eine produktive Unschärfe. Die Definition des Internationalen Museumsrats ICOM spricht von gemeinwohlorientierten, nicht gewinnorientierten Einrichtungen, die sammeln, bewahren, erforschen, vermitteln und ausstellen: dauerhaft und öffentlich zugänglich.
Zumindest der Dreiklang aus Schutz, Sichtbarkeit und Vermittlung stand bereits am Anfang des Buchmuseums. Aus dem Zimelienzimmer, das einst nur im Sommer und für wenige Stunden wöchentlich zugänglich war, entwickelte sich ab Beginn des 20. Jahrhunderts schrittweise ein Museum mit mehreren großen, repräsentativen Räumen für Dauer- und Wechselausstellungen. Bemerkenswert ist dabei die Kontinuität eines zentralen Objekts: Seit den Anfängen wird die präkolumbianische Maya-Handschrift ausgestellt, die auch heute noch als einzige der vier überlieferten Handschriften der Maya im Original gezeigt wird. Ein Dokument von herausragender Bedeutung, dessen Präsenz deutlich macht, dass das Buchmuseum immer mehr war als ein Ort regionaler Selbstvergewisserung.

Und doch blieb das Museum von den politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts nicht unberührt. 1936 wurde in den gerade neu ausgestatten Räumlichkeiten die Ausstellung „Das wehrhafte Deutschland“ gezeigt, die nationalsozialistische Vorstellungen von Geist und Kultur propagierte. Kuratiert im damaligen institutionellen Kontext, ist sie ein deutliches Beispiel dafür, dass das Buchmuseum kein geistig entrückter Ort der Unschuld war. Wie diese Ausstellung mit der weiterhin präsentierten Maya-Handschrift koexistierte, erscheint aus heutiger Sicht befremdlich.
Vom Zeigen und Teilen

Was aber ist das Buchmuseum heute? Und was kann getan werden, um solche Widersprüchlichkeiten zu vermeiden?
Museen erleben immer wieder schwierige Zeiten. Auch in den vergangenen Jahren ist der Druck spürbar gewachsen. Demokratiefeindliche Parteien und Strömungen versuchen, Einfluss zu nehmen – besonders im ländlichen Raum, aber durchaus auch auf Länderebene. Kürzungen und inhaltliche Vorgaben betreffen zentrale Bereiche der Museumsarbeit, nicht zuletzt die Inklusion. Hier gilt es, wachsam zu bleiben.
Heute versteht sich das Buchmuseum als ein Ort, der die Schönheit menschlicher Kreativität sichtbar macht, aber weder Brüche noch Abgründe verschweigt. Es zeigt kulturelle Hervorbringungen und ihre Kontexte – auch dann, wenn sie unbequem sind. Gemeinwohlorientierung wie sie die ICOM nahelegt, heißt längst mehr als Bewahren und Zeigen. Es geht um das Erzählen von Geschichten, die die Wertigkeit, Besonderheit und Einzigartigkeit der Objekte sichtbar machen, ohne sie auf einen unnahbaren Sockel zu stellen. Hochkultur und Alltagskultur werden nicht getrennt, sondern miteinander ins Gespräch gebracht.
Das Buchmuseum zeichnet sich durch eine hohe Spannweite aus: von Musikthemen und Fotoausstellungen bis hin zu frühen klösterlichen Handschriften verbindet es wissenschaftlichen Anspruch mit Formaten, die allgemeinverständlich sind. In der aktuellen Ausstellung „Die süße Kunst“ eröffnen Themen wie Zucker und Kakao Zugänge, die zunächst spielerisch wirken, aber tief in Kultur-, Wirtschafts- und Wissensgeschichte führen. Erfahrungen mit Führungen in einfacher Sprache zeigen, wie solche Zugänge letztlich allen zugutekommen.
Untrennbar damit verbunden ist die Frage der Inklusion, die weiterhin ausbaufähig ist. Sie beginnt bei scheinbar banalen Dingen wie der Eingangstür und reicht über verständliche Texte und angemessene Vitrinenhöhen bis zur grundsätzlichen Sensibilisierung für unterschiedliche Bedürfnisse. Inklusion bedeutet auch, Menschen zu erreichen, die nicht physisch vor Ort sein können. Mit virtuellen Ausstellungen – etwa der Ausstellung „Schicksalhafte Seiten“ zu NS-Raubgut und Provenienzforschung in der SLUB – erweitert das Museum seinen Raum und sein Publikum.
Getragen wird das Buchmuseum von Menschen. Vom Besucherservice, der dem Ort ein Gesicht gibt, von Ehrenamtlichen, die jeden Samstag öffentliche Führungen anbieten, vom Wachdienst im Foyer, der die Besucher:innen in die zweite Etage leitet. Sie sind es, die das Museum tagtäglich lebendig machen. Ihnen gilt am Ende dieses Jubiläumsjahres ein besonderer Dank! Ohne sie wäre das Buchmuseum nicht das, was es seit 190 Jahren ist.

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