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Wege der Erinnerung zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust: Bücher aus Tarnów in der SLUB

Am 27. Januar 1945 erreichten die Soldaten der 60. Armee des I. Ukrainischen Fronts der Roten Armee das Vernichtung und Konzentrationslager Auschwitz Birkenau und befreiten dort etwa 7.000 kranke und erschöpfte Überlebende. In der SLUB Dresden ist dieser Tag eng mit der Arbeit der Provenienzforschung verbunden. Die in unseren Sammlungen aufgefundenen, während der NS-Zeit geraubten Bücher zeugen unmittelbar vom Leid der Opfer des Dritten Reiches und den Verbrechen des NS-Regimes. Oft sind sie letzte greifbare Spuren der Ermordeten. Sie machen die Bibliothek zu einem Ort des Gedenkens.

Eintrag auf Papier: Jüdische Volksbibliothek in Tarnów

Abb. Żydowska Biblioteka ludowa "SIFRJA AMAMITH" w Tarnowie / Jüdische Volksbibliothek in Tarnów (Foto: SLUB Dresden)

Ab 1940 errichteten die Nationalsozialisten in der polnischen Stadt Oświęcim, die in das Dritte Reich eingegliedert und in Auschwitz umbenannt worden war, ein Konzentrationslager. Es diente zunächst zur Inhaftierung politischer Gefangener aus dem besetzten Polen. Zwischen 1942 und 1944 entwickelte sich Auschwitz-Birkenau zum größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager. Bis Januar 1945 wurden dort über eine Million Menschen ermordet, darunter 960 000 Angehörige der jüdischen Bevölkerung aus ganz Europa. Unter den Opfern befanden sich zudem zehntausende Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene sowie Angehörige anderer Nationalitäten. Der Tag der Befreiung des Lagerkomplexes wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt und 2005 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust ausgerufen.

Der erste Transport nach Auschwitz im Juni 1940

Die in drei Büchern unseres Bestands festgestellten Provenienzspuren, die auf NS-Raubgut hinweisen, führen nach Tarnów in Südostpolen. Im Jahr 1939 lebten dort rund 40.000 Menschen, die Hälfte von ihnen waren polnische Staatsbürger jüdischer Herkunft, die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zur Stadtbevölkerung gehörten.

Am 14. Juni 1940 verließ der erste Häftlingstransport Tarnów in Richtung Auschwitz. Die 728 Männer wurden zuvor im Gebäude der Mikwe, dem jüdischen Ritualbad, zusammengetrieben, das die deutschen Besatzer zu einem provisorischen Gefängnis umfunktioniert hatten. Unter den Gefangenen befanden sich auch einige jüdische Intellektuelle.

Das jüdische Tarnów

Kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht im September 1939 begann für die jüdische Bevölkerung in Tarnów die systematische Verfolgung und Vernichtung. Ein Jahr nach den Pogromen in Deutschland zerstörten die Deutschen am 9. November 1939 alle Synagogen der Stadt. Jüdisches Eigentum wurde weitgehend konfisziert und die Einwohner zur Zwangsarbeit verpflichtet. Ab Juni 1942 setzten die Deportationen ein, zunächst in das Vernichtungslager Bełżec. Die deutschen Besatzungsbehörden zwangen die Verbliebenen sowie Menschen aus umliegenden Orten in ein Ghetto. Bei der Liquidierung des Ghettos wurden 10.000 Menschen vor Ort erschossen, 7000 bis 8000 nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Nach dem Krieg kehrten 700 jüdische Bewohner in die Stadt zurück, doch kaum jemand blieb dauerhaft. Damit wurde die jahrhundertealte jüdische Gemeinschaft ausgelöscht und ebenso das nicht immer einfache, aber doch bestehende Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen und Religionen.

Sifrja Amamit - die Volksbibliothek

Nicht nur die alten Fotos, auch die Bücher und die in ihnen erhaltenen Besitzvermerke erinnern jedoch an eine lebendige jüdische Gemeinschaft, die mitten im gesellschaftlichen, sozialen und politischen Leben ihrer Zeit stand. Vom späten 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Tarnów zu einem wichtigen Zentrum der zionistischen Bewegung in Galizien. Ein zentraler Ort dieses Lebens war auch die Jüdische Volksbibliothek der Stadt. Die Bestände der Bibliothek gehen auf die Gesellschaft Safa-Berura (Reine Sprache) zurück, die in Tarnów eine zweisprachige polnisch-hebräische Schule sowie ein Gymnasium betrieb. Die um 1910 gegründete Organisation wurde von der jüdischen Gemeinde getragen und war für die hohe Qualität ihres Unterrichts ebenso bekannt wie für ihre umfangreiche Bibliothek, deren Bestände aus verschiedenen zionistischen Gruppierungen zusammengeführt wurden.

Die Bibliothek trug den Namen von Dr. Samuel Spann / Shmuel Szpan (1887-1967), einem der führenden Vertreter des zionistischen Lebens in Tarnów. Sie entwickelte sich schnell und 1922 schlossen sich weitere Bibliotheken an, insbesondere aus den zionistischen Jugendorganisationen. So entstand eine große vereinte öffentliche Bibliothek unter dem Namen Sifrja Amamit.

1932 feierte Sifrja Amamit ihr zehnjähriges Bestehen. Dieses Jubiläum veranlasste Moshe Klapholc, im Tygodnik Żydowski (Jüdisches Wochenblatt) vom 1. April 1932 zu einem Rückblick:

Vor zehn Jahren zählte die jüdische öffentliche Bibliothek kaum einige tausend Bände und befand sich in kleinen, überfüllten Räumen, verfügte über keinen angemessenen Katalog und kein ausgebildetes Bibliothekspersonal. Heute befindet sich die Bibliothek in vier Räumen und besitzt einen Bestand von 16.000 Werken in polnischer, hebräischer, jiddischer und deutscher Sprache. Vier gedruckte Kataloge stehen den Lesern zur Verfügung, drei Bibliothekare betreuen sie, und die Zahl der Nutzer wächst von Tag zu Tag. Es muss betont werden, dass es in Westgalizien keine größere und wertvollere jüdische Bibliothek gibt.“

Ein Teil der Bücher gelangte über die sozialistisch-zionistische Jugendorganisation Hashomer Hatzair in die Volksbibliothek. Die 1916 in Wien gegründete Vereinigung ähnelte den Pfadfindern. 1919 zählte sie bei einem Treffen in Tarnów bereits 10 000 Mitglieder. Während des Krieges organisierten die „szomry“ in Tarnów aktiven Widerstand. Die Historikerin berichtet: „Die Jugend der Vorkriegs-Ha-Shomer-ha-Tsa`ir, der jungen zionistischen Pioniere, versammelte sich im Ghetto um Josef Bruder und seine Frau Giza (née Gross), Josef Birken, „Kubcia“ Kupferberg und anderen. Sie nahmen Verbindung zu Untergrundgruppen im Ghetto in Krakau auf sowie zum polnischen Untergrund in Tarnów.“ (Agnieszka Wierzcholska: Nur Erinnerungen und Steine sind geblieben. Leben und Sterben einer polnisch-jüdischen Stadt: Tarnów 1918–1945. Paderborn 2022)

Den Krieg überlebten aus dieser Tarnówer Gruppe nur Kubcia Kupferberg und sein Bruder.

 

Das Priesterseminar in Tarnów und sein Rektor Roman Sitko

Die schwarze Nacht der Besatzung hing ab September 1939 über dem ganzen Land. Der Besatzer nahm das Gebäude des Seminars in Beschlag und warf alles hinaus. Selbst die Bibliothek musste zu den Philippinern verlegt werden, um die unschätzbaren Bestände zu bewahren, die über Jahrhunderte unter dem Dach der Abtei Tyniec und in zahlreichen privaten Bibliotheken angesammelt und dem Seminar übergeben worden waren. (Geschichte des katholischen Priesterseminars in Tarnów).

War das Handbuch der Paramentik im Bestand der SLUB eines dieser bedrohten Bücher? Wurde es nicht rechtzeitig verlagert? Wie kam es dazu, dass es heute in Dresden ist? Alle bekannten Vorbesitzer des Buches - das Priesterseminar und die Vereinigung christlicher Bibliotheken in Tarnów - haben in der Vorkriegszeit in der südpolnischen Stadt gewirkt.

Als die Kleriker des Priesterseminars ab 1939 nach und nach von der Schule, Bibliothek und Ausbildung abgeschnitten wurden, wichen sie auf die Initiative des Rektors Roman Sitko (1880 -1942) nach Błonie bei Tarnów aus. Die faktisch illegale Fortsetzung seelsorgliche und theologische Ausbildung und die Versorgung der Kleriker blieben nicht ohne Konsequenzen.  Am 22. Mai 1941 durchsuchte die Gestapo die Räume in Błonie und verhaftete dort den Rektor Sitko, weitere Geistliche und eine Gruppe junger Seminaristen. Die meisten Kleriker wurden nach etwa hundert Tagen Haft freigelassen, doch Sitko ist am 27. August 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert worden.  

Im Oktober desselben Jahres brach Pater Sitko auf dem Weg zur Arbeit zusammen und ein SS-Mann tötete ihn an Ort und Stelle. Die Tat wurde von seinen Zellengenossen direkt beobachtet, die später als Zeugen berichteten.

1999 wurde der Rektor des Priesterseminars in Tarnów von Papst Johannes Paul II. als Märtyrer der deutschen Besatzung zusammen mit 107 weiteren Personen seliggesprochen.

 

1945 kehrt Zvi Ankori nach Tarnów zurück

Zvi Ankori wurde 1920 in Tarnów als Hersch Wróbel geboren und „Hesiek“ genannt. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg wanderte er nach Palästina aus und nahm einen neuen Namen an. Während des Krieges diente er in der britischen Armee und kehrte im Herbst 1945 in seine Heimatstadt kurz zurück. Hören wir ihm für eine Weile zu, während seine Stimme die Erinnerungen an seine Jugend wiederaufleben lässt …

„The nearest street: 3 St. Anna Street – the ‚Safa Berura‘ Hebrew school. The Dr. Spann lending library. Eva Leibel, the beautiful librarian. […] The Temple where Weinberg officiates as cantor– a prayer house avoided by Orthodox Jews, who wouldn’t even walk near it […]. From there to the Rynek, the Central Square. The cathedral and the Town Hall. The grocery owned by Hannah, whose grandson Buziek, is in Hesiek’s class and youth movement group […] to Żydowska Street. The ‚old Synagogue‘. Dudek Schiff, Hesiek’s classmate.“

(Zvi Ankori: Chestnuts of Yesteryear. A Jewish Odyssey. Jerusalem 2013. Nach Agnieszka Wierzcholska)

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