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Herkunft geklärt?! Provenienzforschung an Kultureinrichtungen und ihr Potential für lokale Erinnerungskultur

Wem hat ein Buch, ein Gemälde oder ein Löffel einst gehört und unter welchen Umständen gelangten sie in eine Bibliothek oder ein Museum? Was haben die Besitzspuren, die sich in oder an ihnen finden, mit der Aufarbeitung der Vergangenheit zu tun? Welche Auswirkungen hat diese wiederum auf das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit historischen Orten, Ereignissen und Akteur:innen? Diesen Fragen geht die Veranstaltung „Herkunft geklärt?!“ am Internationalen Tag der Provenienzforschung, dem 8. April 2026, nach.

Collage aus Provenienzmerkmalen im SLUB-Bestand (SLUB Dresden / Gestaltung: Judith Ando)

Collage aus Provenienzmerkmalen im SLUB-Bestand (SLUB Dresden / Gestaltung: Judith Ando)

Seit über 15 Jahren erforscht die SLUB Dresden systematisch die Herkunft ihrer Bestände, betreibt also Provenienzforschung.  Ziel dabei ist es, Bücher zu identifizieren, die ihren ursprünglichen Eigentümer:innen unrechtmäßig entzogen worden sind. Ein Schwerpunkt der aktuellen Forschung an der SLUB Dresden liegt auf der Provenienzforschung zu Kulturgütern, die während des Nationalsozialismus verfolgungsbedingt geraubt wurden (NS-Raubgut). Gleichzeitig führen diese Recherchen zur Aufarbeitung der eigenen Institutionsgeschichte.

Ausgehend von Besitzeinträgen in Büchern lassen sich die Biographien der Vorbesitzer:innen rekonstruieren, in deren Schicksalen sich die Konsequenzen der Verfolgungsmaschinerie der Nationalsozialisten zeigt. In den überprüften Beständen finden sich auch Bücher, die aus dem Eigentum Dresdner oder sächsischer Personen und Institutionen stammen, die während des Nationalsozialismus als Jüdinnen und Juden, als politische und weltanschauliche Feinde des NS-Regimes verfolgt worden sind. So konnten zum Beispiel anhand eines Stempels und eines Autogramms zwei Bände dem Rechtsanwalt Walter Brinitzer (1893–1945) zugeordnet werden. 

Obwohl zum katholischen Glauben konvertiert, wurde Walter Brinitzer in der NS-Zeit als Jude verfolgt. Er starb beim Bombenangriff auf Dresden in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945. Im Jahr 1946 erwarb die Sächsische Landesbibliothek, eine Vorgängereinrichtung der SLUB Dresden, die beiden Bücher mit Brinitzers Besitzspuren. Da bisher nicht geklärt werden konnte, unter welchen Umständen Brinitzer die Bände abgegeben hat bzw. abgeben musste, besteht bei ihnen ein Verdacht auf NS-Raubgut. Das Schicksal Walter Brinitzers ist noch auf eine weitere Weise mit der Sächsischen Landesbibliothek verbunden: Wegen seiner Forschungen zu Gelehrten des 17. Jahrhunderts war er einer ihrer Nutzer, zumindest bis August 1936. Ab diesem Zeitpunkt war es als jüdisch verfolgten Personen nicht mehr erlaubt, die Lesesäle der Sächsischen Landesbibliothek zu betreten.

Die Landesbibliothek Dresden ist damit ein Ort, an dem sich einerseits durch das Zutrittsverbot für verfolgte Personen die Folgen des Nationalsozialismus aufzeigen lassen. Und andererseits werden an ihr die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges sichtbar, da ihre Gebäude und Teile der Bibliotheksbestände infolge der Bombardierung Dresdens zerstört worden sind.

 

 

Gedenken an die Folgen der NS-Diktatur

Damit all dies nicht vergessen wird, fand im November 2025 die Verlegung eines Mahndepots am Japanischen Palais, dem ehemaligen Sitz der Sächsischen Landesbibliothek, statt. Das Kunst- und Geschichtsprojekt „Gravuren des Krieges – Mahndepots in Dresden“ erinnert seit 2001 an die Folgen des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Diktatur in Dresden. Ebenso mahnend, erinnern die als NS-Raubgut identifizierten Bücher als materielle Zeitzeugen an den Raub und an ihre ehemaligen Eigentümer:innen.

Bei der Veranstaltung „Herkunft geklärt?!“ erfahren Sie mehr zur Provenienzforschung an der SLUB Dresden und zum Mahndepot am Japanischen Palais in einem einführenden Impuls von Nadine Kulbe (Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde) und Elisabeth Geldmacher (SLUB Dresden). In der anschließenden Podiumsdiskussion werden Jana Kocourek (SLUB Dresden), Carina Merseburger (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) und Dr. Maria Obenaus (Referentin für Erinnerungskultur der Landeshauptstadt Dresden) diskutieren, warum die Aufarbeitung von NS-Unrecht nach wie vor für Kultureinrichtungen und eine Stadtgesellschaft relevant ist und auf welche Weise diese an ihre Vergangenheit erinnern können. Moderiert wird die Veranstaltung von Dr. Caroline Förster (Dresdner Geschichtsverein e. V.).

Herkunft geklärt?!
Mi, 08.04.2026 18:00 Uhr - 19:30 Uhr
Zentralbibliothek, Zellescher Weg 18, 01069 Dresden

Veranstaltung im Online-Kalender

Die SLUB Dresden begeht mit der Veranstaltung zwei Anlässe:

Am 8. April 2026 geben zum Tag der Provenienzforschung viele sächsische Kultureinrichtungen Einblicke in die vielfältigen Aufgaben der Provenienzforschung, die in einer Übersicht zusammengestellt sind. Der Aktionstag wird vom Arbeitskreis Provenienzforschung e. V. ausgerichtet.

Zudem feiert Sachsen 2026 mit „Tacheles“ das Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen. Dabei werden zahlreiche Veranstaltungen zu jüdischer Kultur, jüdisch-sächsischer Geschichte und heutigem jüdischen Leben in allen sächsischen Regionen und Landkreisen angeboten.

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