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NS-Raubgut: SLUB Dresden und Stadtbibliothek Burgstädt restituieren Bücher aus der Gewerkschaftsbibliothek des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes Chemnitz

Am 18. Mai 2026 gaben die SLUB Dresden und die Stadtbibliothek Burgstädt drei Bücher an die IG Metall in Chemnitz zurück. Die Bücher wurden dem Deutschen Metallarbeiter-Verband Chemnitz in der NS-Zeit verfolgungsbedingt geraubt und konnten ihm aufgrund der enthaltenen Stempel zugeordnet werden. Die IG Metall als dessen Rechtsnachfolgerin überlässt sie den beiden Bibliotheken als Schenkung.

Drei Personen mit den restituierten Büchern

Lydia Oeser, Eddi Kruppa und Elisabeth Geldmacher gemeinsam mit den restituierten Büchern Foto: IG Metall

Der Deutsche Metallarbeiter-Verband Chemnitz und seine Bibliothek

Der Deutsche Metallarbeiter-Verband (DMV) war ein freigewerkschaftlicher Verband der Metallarbeiter, der auf dem Metallarbeiterkongress in Frankfurt am Main zum 1. August 1891 gegründet wurde. Zwar war der Industriestandort Chemnitz ein bedeutendes Zentrum der Arbeiterbewegung. Aufgrund der Vereinsgesetzgebung in Sachsen war es jedoch etwa 17 Jahre lang nicht möglich, eine Chemnitzer Regionalstelle einzurichten. Es konnten nur Einzelpersonen aus Sachsen Mitglieder im DMV werden. Dies änderte erst die Inkraftsetzung des Reichsvereinsgesetzes im Jahr 1908, sodass noch im gleichen Jahr die Verwaltungsstelle Chemnitz entstand. Sie übernahm Aufgaben wie die „Wahrung der geistigen und materiellen Interessen der Mitglieder, Gewährung von Reise-, Umzugs- u. Sterbegeld, Unterstützung bei Streiks, Maßregelung, Erwerbslosigkeit u. in besonderen Notfällen, Gewerbl. Rechtsschutz“ (Adressbuch Chemnitz, 1932, I, S. 64).

Zunächst in der Fritz-Reuter-Straße 9, hatte die Chemnitzer Regionalstelle ihren Sitz ab 1910 im Volkshaus in der Zwickauer Straße 152. Im Volkshaus, das seit Anfang der Jahrhundertwende im Eigentum der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) war, befanden sich ein Veranstaltungsraum, eine Herberge und Büroräume für die Partei, verschiedene Gewerkschaften und nahestehende Akteure. So war dort ebenfalls das Arbeitersekretariat ansässig, eine branchenübergreifende Auskunfts- und Beratungsstelle zu arbeitsrechtlichen Fragen.

Auch die Bibliothek des DMV Chemnitz befand sich im Volkshaus. Im Sinne der Arbeiterbildung stand sie ihren Mitgliedern sowie deren Familien offen. Aus diesem Grund umfasste sie neben einschlägigen Büchern wie zum Maschinenbau ebenso Unterhaltungsliteratur und Kinder- und Jugendbücher. Um auch Arbeiter:innen in der Umgebung von Chemnitz zu erreichen, existierten ab 1912 Wanderbibliotheken zeitweise in Einsiedel, Furth, Harthau, Oberhermersdorf, Reichenhain, Röhrsdorf, Siegmar und Wiesa. Wie Aussagen über Bestandsumfang, Ausleih- und Nutzendenzahlen in Geschäftsberichten des DMV Chemnitz zwischen 1906 bis 1916 zeigen, wuchs die Nachfrage stetig an. Umfasste die Bibliothek 1906 noch 391 Bände, war sie 1916 auf 5.905 Bände angewachsen.

Gewerkschaften und ihnen nahestehende Einrichtungen wie Arbeiterbibliotheken wurden aufgrund ihrer Nähe zu Sozialdemokratie und Kommunismus bereits zu Beginn des Nationalsozialismus verfolgt. Am 2. Mai 1933 stürmten SA-Kommandos auch in Chemnitz das Gewerkschaftshaus, plünderten und verwüsteten das Gebäude. Gewerkschafter:innen wurden misshandelt, verhaftet und in Zuchthäuser und Konzentrationslager verschleppt. Das Eigentum der Gewerkschaften, auch die Bibliothek des DMV Chemnitz, wurde enteignet.

Von Chemnitz über Berlin bis nach Dresden und Burgstädt: der Weg der Bücher

Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933 durch die Nationalsozialisten wurden im gesamten Deutschen Reich die geraubten Gewerkschaftsbibliotheken nach Berlin transferiert und in die Bibliothek der Deutschen Arbeitsfront überführt. Die Deutsche Arbeitsfront war die nationalsozialistische Einheitsgewerkschaft. Unter der großen Menge an zusammengeführten Büchern befanden sich viele Doppelstücke (Dubletten). Diese wurden nicht in den Bibliotheksbestand inventarisiert und tragen daher keine Besitzzeichen der Deutschen Arbeitsfront. Dies ist auch bei den drei Büchern der Fall, die in Dresden und Burgstädt gefunden worden sind. Auch wenn deswegen diese Station nicht in den Büchern selbst nachweisbar ist, tragen sie weitere Besitzzeichen, die einen Transfer nach Berlin 1933 nahelegen.

Zwei der drei Bände (Burgstädt: F 201, Dresden: 1.B.1959) weisen einen Stempel der Zentralbibliothek der Gewerkschaften auf, die vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) 1949 gegründet wurde. Von März bis Juli 1946 hatte der FDGB-Bundesvorstand die im zerstörten Berlin verbliebenen Bestände der Bibliothek der Deutschen Arbeitsfront geborgen. Dabei handelte es sich vor allem um Dubletten, da deren inventarisierten Bände 1944 nach Frankenstein in Schlesien kriegsbedingt ausgelagert worden waren. Die geborgenen Bände bildeten den Grundstock der FDGB-Zentralbibliothek der Gewerkschaften. Sie bestand bis zur deutsch-deutschen Wende 1989/1990 im Berliner Gewerkschaftshaus Unter den Linden 15.

Das dritte identifizierte Buch (Dresden: 35.8.3840) trägt keinen Stempel des FDGB. Dafür befinden sich in ihm ein Stempel und ein Etikett des NSDAP-Parteiarchivs, die einen Hinweis auf den weiteren Weg des Buches geben. Das Parteiarchiv wurde im Januar 1934 sowohl für die NSDAP als auch für die Deutsche Arbeitsfront eingerichtet und war im gleichen Gebäude wie die Deutschen Arbeitsfront in Berlin untergebracht. Zwischen November 1934 und Februar 1935 verlegte die mittlerweile in Hauptarchiv der NSDAP umbenannte Dienststelle ihren Sitz nach München, die zugehörige Bibliothek zog mit. Die Stempelbeschriftung „NSDAP & Co. Parteiarchiv“ verweist darauf, dass das Buch wahrscheinlich bereits 1934 in Berlin eingearbeitet worden war. Ob es nach 1935 nach München ging oder in Berlin bei der Deutschen Arbeitsfront verblieb, lässt sich nicht nachvollziehen.

Alle drei Bücher gelangten über weitere Zwischenstationen nach 1945 in die Bestände der Stadtbibliothek Burgstädt und der SLUB Dresden: entweder 1961 als Geschenk der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (Dresden: 35.8.3840), 1977 als Ankauf beim Zentralantiquariat Leipzig (Dresden: 1.B.1959) oder 2007 im Rahmen einer Nachlassschenkung (Burgstädt: F 201).

Aufgrund der gewaltsamen Zerstreuung der Gewerkschaftsbibliotheken seit 1933 und den in den Büchern enthaltenen Besitzspuren sind die drei Bücher des DMV Chemnitz als NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter (NS-Raubgut) zu bewerten.

Restitution der Bücher an die IG Metall

In Fällen von NS-Raubgut betrachten sich die Stadtbibliothek Burgstädt und die SLUB Dresden im Sinne der Washingtoner Prinzipien (1998) und der Gemeinsamen Erklärung (1999) nicht als rechtmäßige Eigentümerinnen der Bücher und streben eine Restitution an die Erbinnen und Rechtsnachfolger an. Restitutionen wie jene an die IG Metall Chemnitz zeigen, wie wichtig systematische Provenienzforschung auch 81 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur ist.

Eddie Kruppa, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Chemnitz: „Wir freuen uns über den Fund der drei Bücher, die 1933 von den Nazis aus der Gewerkschaftsbibliothek geraubt wurden. Und wir überlassen sie gerne den Bibliotheken, denn dort sind sie in guten Händen und stehen der Wissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.“

Erinnerung an den Deutschen Metallarbeiter-Verband Chemnitz

Da die drei Bücher in den Bibliotheken in Dresden und Burgstädt verbleiben, erinnern sie wie materielle Zeitzeugen vor Ort an seinen ehemaligen Eigentümer, den DMV Chemnitz. Ein Einleger, der nun in jedes der Bücher eingelegt ist, benennt den DMV Chemnitz als Vorbesitzer des Buches und verweist auf dessen Verfolgung während des Nationalsozialismus sowie auf die Restitution 2026. Außerdem melden die SLUB Dresden und die Stadtbibliothek Burgstädt die Funde in der Lost Art-Datenbank und dokumentieren die Herkunftsangaben in ihren jeweiligen Online-Katalogen. Die Stempel des DMV Chemnitz sind fotografisch in der Deutschen Fotothek veröffentlicht. Dadurch werden die identifizierten NS-Raubgut-Fälle transparent und für jede Person einsehbar veröffentlicht.

Mit diesen Formen erinnern die SLUB Dresden und die Stadtbibliothek Burgstädt digital und analog an den DMV Chemnitz. Zugleich machen sie darauf aufmerksam, welche mit Unrecht verbundenen Bücher sich sowohl in Stadt- als auch in Wissenschaftlichen Bibliotheken befinden können.

 

Die restituierten Werke der SLUB Dresden

  • Friedrich Arnold: Die Vögel Europas. Ihre Naturgeschichte u. Lebensweise in Freiheit und Gefangenschaft. Nebst Anleitung zur Aufzucht, Eingewöhnung, Pflege samt den Fang- u. Jagdmethoden. Stuttgart: C. Hofmann, 1897.
    Signatur: 1.B.1959
    Link zum SLUB-Online-Katalog
  • Paul Hirsch: 25 Jahre sozialdemokratischer Arbeit in der Gemeinde. Die Tätigkeit der Sozialdemokratie in der Berliner Stadtverordnetenversammlung; auf Grund amtlicher Quellen geschildert. Berlin: Buchhandlung Vorwärts, 1908.
    Signatur: 35.8.3840
    Link zum SLUB-Online-Katalog

SLUB-Dossier zum Deutschen Metallarbeiter-Verband Chemnitz

Das restituierte Werk der Stadtbibliothek Burgstädt

Otto Rühle: Das sächsische Volkschulwesen. Leipzig, 1904. Signatur: F 201

Link zum Online-Katalog der Stadtbibliothek BurgstädtMeldung in der Lost Art-Datenbank

Die Recherche zur Herkunft der beiden Bücher in der SLUB Dresden erfolgte im Rahmen des Provenienzforschungsprojekts „NS-Raubgut in der SLUB: Erwerbungen nach 1945“ (Laufzeit: 2017–2020). In einem aktuellen Projekt, das sich der Ermittlung von Erbinnen und Erben zu 300 NS-Raubgut-Fällen widmet, konnten die IG Metall Chemnitz als Rechtsnachfolgerin des DMV Chemnitz identifiziert und die Restitutionsbemühungen aufgenommen werden. Beide Forschungsprojekte wurden bzw. werden von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste gefördert.

 

Seit ihrer Gründung 1876 erhielt die Stadtbibliothek Burgstädt Schenkungen von Büchern und Archivalien durch Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Über die Jahre wuchs so ein großer historischer und regionalkundlicher Bestand. 2023 wurde der historische Altbestand erschlossen, wobei etwa 260 Besitzspuren von Voreigentümer:innen dokumentiert worden sind. Ermöglicht wurde das Erschließungsprojekt durch eine Kooperation zwischen der Stadtbibliothek Burgstädt, der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig und der ehemaligen Koordinierungsstelle Provenienzforschung in Öffentlichen Bibliotheken der Sächsischen Landesfachstelle für Bibliotheken an der SLUB Dresden. Die Koordinierungsstelle Provenienzforschung unterstützte von 2021 bis 2025 Öffentliche Bibliotheken im Freistaat Sachsen im Umgang mit historischen Altbeständen und bei der Provenienzforschung.

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