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Neues Forschungsprojekt: Erbenermittlung zu NS-Raubgut im Bestand der SLUB

Vor 93 Jahren fand in Dresden eine der ersten nationalsozialistischen Bücherverbrennungen statt. Werke verfemter Autorinnen und Autoren gingen am Wettiner Platz in den Flammen auf. Als kurz darauf die Welle der Verfolgung die Menschen selbst erreichte, allen voran die jüdische Bevölkerung, raubte das NS-Regime auch ihren Besitz, darunter ihre Bücher. Ein Teil dieses NS-Raubgutes befindet sich auch im Bestand der SLUB Dresden. In einem neuen Forschungsprojekt werden nun bis Januar 2028 in 300 Fällen die rechtmäßigen Erbinnen und Erben der Verfolgten recherchiert.

Schwarz-Weiß-Aufnahme der ersten Dresdner Bücherverbrennung

Die erste Dresdner Bücherverbrennung am 8. März 1933, Fotograf:in: unbekannt (Deutsche Fotothek, df_hauptkatalog_0198769)

Angesichts zerstörerischer Gewalt zerfällt das Buch schnell zu Staub und Asche, es besitzt aber zugleich eine ungeahnte Beständigkeit, die aus der Wertschätzung seiner Schöpfer, seiner Leser, Bewahrer und ihrer Geschichte erwächst.

Als am 8. März 1933 auf dem Wettiner Platz in Dresden die ersten Bücher verbrannt wurden, die die Nationalsozialisten als „undeutsch“ und „zersetzend“ diffamierten, markierte dies den Beginn einer reichsweiten Welle organisierter Gewalt gegen Kunst und Geist. Die Flammen waren nicht nur ein symbolischer Akt, sondern Ausdruck gezielter Zerstörung, Einschüchterung und ideologischer Säuberung des öffentlichen Lebens.

Einer der gebrandmarkten Autoren war Arthur Schnitzler.

„So groß ist die Macht der Bücher, so groß ihre Würde und ihre Göttlichkeit, dass wir ohne die Bücher alle unwissende Menschen wären.“

Das italienische Zitat steht auf einem Exlibris aus der Bibliothek von Dr. Friedrich Mautner, das wir in einer Werksausgabe von Arthur Schnitzler von 1922 gefunden haben. Kardinal Bessarion, byzantinischer Theologe und Humanist des 15. Jahrhunderts, formulierte diesen Gedanken, als er 1468 Hunderte griechische und lateinische Handschriften zum allgemeinen Nutzen der Menschen San Marco in Venedig schenkte. Der Anfang der Biblioteca Nazionale Marciana, einer der bedeutestens Bibliotheken Italiens und Europas.

Das Exlibris, in ein Werk der Wiener Moderne eingeklebt und einst Teil der Bibliothek eines jüdischen Prager Intellektuellen und Bücherliebhabers, wirkt heute wie ein leuchtendes Gegenbild zum nationalsozialistischen Wahn. Es könnte als Motto für das neue Provenienzforschungsprojekt der SLUB Dresden dienen.

Die Besitzspuren im Buch mit dem Exlibris von Dr. Friedrich Mautner führen ins jüdische Prag der 1920er Jahre und zeigen zugleich, dass das Buch seinem Eigentümer während der deutschen Besatzung der Tschechoslowakei im Zweiten Weltkrieg geraubt wurde. Auf einem verschlungenen Weg über mehrere Stationen gelangte es schließlich in die SLUB Dresden.

Heute zählt es zu den über tausend geraubten Büchern im Bestand, die einst Verfolgten des NS-Regimes in Deutschland und ganz Europa gehörten. Seit 2011 konnten diese Bände in drei Provenienzforschungsprojekten der SLUB Dresden als sogenanntes NS-Raubgut identifiziert werden.

 

 

Auf der Suche nach den Erben

Ein neues Erbenermittlungsprojekt soll in 300 Fällen die Herkunft dieser Bücher klären und die Nachkommen der rechtmäßigen Besitzer ausfindig machen. Viele von ihnen waren Jüdinnen und Juden, von denen zahlreiche ermordet wurden. Enteignet und beraubt wurden jedoch auch politische Gegner des NS-Regimes, christliche Kirchen und andere religiöse oder weltanschauliche Gemeinschaften sowie wissenschaftliche Einrichtungen in den von Deutschland besetzten Gebieten.

Hinter jedem Exemplar steht ein individuelles Schicksal, zu dessen Geschichte heute auch die SLUB Dresden gehört. Jede Bücherbiographie beginnt jedoch mit der Geschichte eines Menschen. Bei den Büchern, die als NS-Raubgut zu bewerten sind, sieht sich die SLUB nicht als rechtmäßige Eigentümerin. Deshalb strebt sie eine Restitution oder andere faire und gerechte Lösungen im Sinn der Washingtoner Prinzipien an. Die SLUB und die Erbinnen und Erben sollten gemeinsam entscheiden, was mit den Objekten geschieht, die früheren Eigentümern einst unter Zwang genommen wurden. Dass diese Bemühungen nicht hoffnungslos sind, zeigen bisherige erfolgreiche Erbenermittlungen. In 31 Fällen konnten Bücher bereits restituiert werden, mehrmals in Zusammenarbeit mit anderen Bibliotheken.

Dies hoffen wir auch für hunderte weitere zwischen 1933 und 1945 geraubte, enteignete oder unter Zwang verkaufte Bücher, die noch in unseren Regalen stehen. Auch für die Theaterstücke von Arthur Schnitzler, die der große Bücherliebhaber Dr. Friedrich Mautner einst mit einem Exlibris versah, das so sehr in die Würde der Bücher und der Menschen vertraut.

Am 1. Februar 2026 ist das neue Provenienzforschungsprojekt an der SLUB Dresden gestartet: In 300 Fällen von NS-Raubgut recherchiert das Team nun die Erbinnen und Erben. Das Projekt wird von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste bis 31. Januar 2028 gefördert.

Seit 2011 wurden über 300.000 Bände aus den Beständen der SLUB Dresden auf NS-Raubgut überprüft. Die systematische Durchsicht umfasste Teilbestände beider Vorgängereinrichtungen des Hauses: der Sächsischen Landesbibliothek und der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Dresden. Dabei wurden fast 27.000 individuelle Besitzzeichen (Provenienzmerkmale) dokumentiert, von denen nach aktuellem Stand ca. 1.000 sicher oder mit hoher Wahrscheinlichkeit auf NS-Raubgut hinweisen.

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