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Chancen und Herausforderungen von Open Access in der medizinischen Forschung

Die Forschung von Prof. Kaomei Guan und ihrer Arbeitsgruppe hat ein großes Ziel: die Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen zu verbessern. Wie und wo sie ihre Forschungsergebnisse veröffentlichen, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Wissenschaftler:innen setzen zunehmend auch auf Open Access. Im Interview erklärt Kaomei Guan, welche Herausforderungen es zu meistern gilt, um die OA-Transformation in der medizinischen Forschung weiter voranzubringen.

Prof. Dr. rer. nat. Kaomei Guan

  • Stellvertretende Direktorin des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden
  • Seit 2015 Professorin für Stammzellforschung und Regenerative Pharmakologie und Toxikologie an der TU Dresden
  • Seit 2009 Gutachtertätigkeit für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
  • Seit 2011 Mitglied des „Editorial Board“ der Zeitschrift “World Journal of Stem Cells”
  • Seit 2014 Mitglied des „Editorial Board“ der Zeitschrift “Scientific Reports”

1.) Bitte geben Sie uns zum Einstieg einen kurzen Einblick in Ihr Forschungsfeld für Disziplinfremde: Mit welchen Fragen und Erkenntnissen beschäftigen Sie sich?

Die Forschungsschwerpunkte unseres Instituts liegen im Bereich der Herz-Kreislauferkrankungen. Trotz des enormen medizinischen Fortschritts im letzten Jahrzehnt bleiben sie eine der häufigsten Todesursachen. Eine große Herausforderung für unsere Forschung ist das Fehlen von Gewebekultursystemen, die der menschlichen Pathologie ähneln, um Krankheitsmechanismen im Detail zu untersuchen. Das neu entstehende Gebiet der humaninduzierten pluripotenten Stammzellentechnologie (hiPSC) ermöglicht es uns, patienten-spezifische Herzmuskelzellen zu generieren, die helfen, die Grundursachen der Krankheit zu verstehen. Die Forschung unserer Gruppe konzentriert sich auf die Etablierung von In-vitro-Krankheitsmodellen durch den Einsatz von hiPSCs, um die pathologischen Mechanismen besser zu verstehen und eine potentielle pharmakologische Therapie zu entwickeln, die letztlich die klinische Behandlung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbessern kann.

2.) Welche Faktoren (Reputation des Verlages bzw. der Editoren, Journal Impact Factor etc.)  berücksichtigen Sie bei der Auswahl von Zeitschriften, in denen Sie publizieren? Wie wichtig ist Ihnen dabei, dass Ihre Forschungsergebnisse frei verfügbar im Open Access bereitgestellt werden?

Bei der Auswahl eines Fachjournals für die Veröffentlichung unserer Forschungsergebnisse berücksichtigen wir viele verschiedene Faktoren. Zunächst schauen wir auf Ausrichtung und Reichweite. Um die Sichtbarkeit unseres Papers zu erhöhen, wählen wir in der Regel Fachjournale aus, die in größeren Literatur- und Zitationsdatenbanken wie zum Beispiel PubMed, Web of Science SCI oder google scholar geführt werden. Auch der Impact-Faktor spielt eine Rolle. Für uns ist es sehr wichtig, Ergebnisse Open Access zu veröffentlichen, um sie allen Interessierten frei zugänglich zu machen. Genauso wichtig ist es, dass zumindest ein Gutachter oder ein Mitglied des Editorial Board Expertise in unserem Forschungsfeld mitbringt. Darüber hinaus gelten Journals mit geringeren Akzeptanzraten als prestigeträchtiger und wir müssen die genaue Ausgestaltung des Review-Prozesses, auch unter zeitlichen Gesichtspunkten, in unsere Überlegungen einbeziehen.

3.) Sie haben einige Beiträge in Zeitschriften veröffentlicht, deren Publikationsgebühren (Article Processing Charges, kurz APCs) über der Kostenobergrenze der Deutschen Forschungsgemeinschaft von 1.680 EUR liegen. Eine Förderung durch den Publikationsfonds war nur durch erfolgreiche Rabattverhandlungen mit den Verlagen möglich. Wie gut fühlten Sie sich auf diese Rabattverhandlungen vorbereitet? Finden Sie es sinnvoll, auch in Zukunft an einer Kostenobergrenze festzuhalten, um den steigenden Publikationsgebühren entgegenzuwirken?

Um ehrlich zu sein, fühle ich mich nicht gut auf derartige Rabattverhandlungen vorbereitet. Bei der Auswahl eines Fachjournals achten wir stärker auf den Bekanntheitsgrad als auf die Kosten. Wenn ein Manuskript angefordert wird, sind die Verhandlungen einfacher. Dann erhalten wir oft erfolgreich einen Rabatt und können so die Kosten unter die Obergrenze der Deutschen Forschungsgemeinschaft senken. Wenn es sich bei dem Manuskript jedoch um eine Originalfassung handelt und wir selbst entscheiden, es beim Fachjournal unserer Wahl einzureichen, sind die Verhandlungen schwieriger. Dann haben wir in der Vergangenheit oft keinen ausreichenden Rabatt bekommen, um die Publikationsgebühren unterhalb der DFG-Kostenobergrenze zu halten. Ich persönlich bezweifle, dass es Sinn macht, künftig an einer solchen Grenze festzuhalten. Hier sollten wir schauen, welche Spielräume es gibt. Auf der anderen Seite verstehe ich die Sorge, dass die Publikationsgebühren ohne Kostenobergrenze immer weiter steigen.

4.) Die Unterzeichnung der DEAL-Verträge mit SpringerNature und Wiley ermöglicht den Wissenschaftler:innen der TU Dresden, in den meisten Zeitschriften dieser Verlage im Open Access zu publizieren. Die Kosten werden zentral durch die SLUB übernommen, ein Antrag ist nicht notwendig. Inwiefern ist das für Ihre Publikationstätigkeit hilfreich?

Das ist tatsächlich sehr hilfreich, da wir so nicht mit jedem Verlag verhandeln und die Übernahme der Publikationsgebühren beantragen müssen. So sparen wir viel Zeit und können uns stattdessen auf unsere Forschung konzentrieren. Ich hoffe, dass weitere DEAL-Verträge mit anderen Verlagen geschlossen werden.

5.) Wie wichtig ist Ihnen das Thema Verlagsvielfalt? Sind Ihnen Verträge der SLUB mit weiteren Verlagen (Cogitatio Press, Copernicus Publications, IEEE, MDPI ...) bekannt, die ein barrierefreies OA-Publizieren ermöglichen? Wie relevant sind diese für Ihr Forschungsfeld?

Wie eben schon angedeutet: Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, weitere DEAL-Verträge mit anderen Verlagen zu schließen. In meinem Forschungsfeld ist MDPI zum Beispiel ein bedeutender Verlag und es ist gut zu wissen, dass die SLUB hier bereits einen Vertrag hat. Die anderen Verlage, die Sie erwähnen (Cogitatio Press, Copernicus Publications, IEEE), spielen für meine Disziplin eine geringere Rolle, sind aber sicher für andere Forschungsfelder der TU Dresden wichtig.

6.) Welche Chancen und welche Herausforderungen sehen Sie als Wissenschaftlerin in der Open-Access-Transformation der Publikationslandschaft? In welchen Bereichen sollte sich der Open-Access-Service der SLUB stärker engagieren, um diesen Herausforderungen und Chancen entsprechen zu können?

Als Wissenschaftlerin wünschte ich mir, dass alle Fachjournale Open Access wären und der Verkauf gedruckter Monografien immer mehr an Gewicht verlieren würde. Ich bin überzeugt, dass Open Access-Publikationsmodelle positive Auswirkungen auf den Impact der Forschung haben können. Um die Open Access-Transformation in der Publikationslandschaft weiter voranzutreiben, ist jedoch auch noch einiges zu tun. Zum Beispiel kennen viele Wissenschaftler:innen die Open Access-Services der SLUB noch nicht. Für junge Wissenschaftler:innen ist es manchmal schwierig, seriöse von fragwürdigen Fachjournalen zu unterscheiden – insbesondere dann, wenn renommierte Wissenschaftler:innen als Gutachter:innen fungieren oder die Fachjournale gar mit hohen Impact-Faktoren locken. Urheberrechte und die Nachhaltigkeit von Fachjournalen sind weitere Baustellen. Seminare für Wissenschaftler:innen wären in jedem Fall hilfreich, um zu vermitteln, wie sie Open Access-Services nutzen und Schwierigkeiten vermeiden können.


Das Interview führte Michael Wohlgemuth aus dem Open Access-Team der SLUB in englischer Sprache. Übersetzung und Bearbeitung: Annemarie Grohmann

Alle Interviews mit Dresdner Wissenschaftler:innen zur Open Access Week 2020:

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