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10 von 100.000: SLUB gibt NS-Raubgut an Arbeiterkammer Wien zurück

Mehrere hunderttausend Bücher waren 1938 von den Nationalsozialisten aus der Bibliothek der Arbeiterkammer Wien geraubt worden. Zehn Bände fanden die Mitarbeiter:innen unseres NS-Raubgut-Projekts im Bestand der SLUB. Sie wurden nun gemeinsam mit der Universitätsbibliothek Leipzig zurückgegeben.

Die sogenannten Arbeiterkammern sind eine österreichische Besonderheit. In Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Gewerkschaftsbund vertreten sie die Interessen der österreichischen Arbeitnehmer:innen und Konsument:innen. Ihre Aufgaben sind vielfältig und im „Arbeiterkammergesetz“ festgehalten: Sie beraten und informieren ihre Mitglieder, sie wirken bei der Gesetzgebung mit oder geben wissenschaftliche Studien in Auftrag. Die Arbeiterkammern wurden 1920 als Gegengewicht zu den Unternehmervertretungen gegründet. Jedes der neun österreichischen Bundesländer verfügt seitdem über eine regionale Arbeiterkammer, die gemeinsam die Bundesarbeiterkammer in Wien bilden. Mit dem Beginn des sogenannten Austrofaschismus 1933/34 verloren die Arbeiterkammern ihre Autonomie. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 wurden sie aufgelöst und ihr Vermögen an die Deutsche Arbeitsfront (DAF), die nationalsozialistische Einheitsgewerkschaft, übertragen.

Weil eine der Aufgaben der regionalen Arbeiterkammern von Beginn an die Bildung und Informierung der Arbeitnehmer:innen war, verfügten sie über öffentlich zugängliche, wissenschaftliche Bibliotheken. Die größte war die Bibliothek der Wiener Arbeiterkammer, die 1922 unter dem Namen „Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek bei der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien“ eröffnet wurde. Durch den Erwerb bedeutender Nachlässe, unter anderem von den Politkern Engelbert Pernerstorfer und Victor Adler, wuchs ihr Bestand schnell an und umfasste 1933 etwa 140.000 Bände.

Nach der Auflösung der Wiener Arbeiterkammer wurde die Bibliothek geplündert. Mindestens 100.000 Bände gelangten nach Berlin und wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der DDR und teilweise in der Bundesrepublik Deutschland zerstreut. Die ehemalige Sächsische Landesbibliothek (SLB) erhielt auf diesem Wege und über einen Zeitraum von zwanzig Jahren zehn Bücher, die aus dem Eigentum der Bibliothek der Arbeiterkammer Wien stammen.

Im Fall von erwiesenem NS-Raubgut betrachtet sich die SLUB als Nachfolgerin der SLB nicht als Eigentümerin der in ihrem Bestand befindlichen Objekte und bemüht sich um eine Rückgabe an die Eigentümer:innen bzw. oder um andere gerechte und faire Lösungen im Sinne der Washingtoner Erklärung von 1998.

Die Restitution fand gemeinsam mit der Universitätsbibliothek Leipzig statt, die ebenfalls Bücher aus der Bibliothek der Arbeiterkammer Wien in ihrem Bestand entdeckt hat.

Die nun an die Arbeiterkammer Wien durch die SLUB restituierten Bücher wurden im Rahmen des von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts „NS-Raubgut in den Erwerbungen nach 1945“ identifiziert.

Zum Weiterlesen

Nadine Kulbe, Epochen- und fachübergreifende Provenienzforschung am Beispiel der Freien Gewerkschaften, der Deutschen Arbeitsfront und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, in: Retour. Freier Blog für Provenienzforschung, 30.4.2020, https://retour.hypotheses.org/1126

 

Die restituierten Bücher

Hans Margolius, Wahre Konstitution. Der Weg zum Frieden der Völker, Prag 1909 (2.A.707)

Société des Nations, Dix ans de coopération internationale, Genf 1930 (3.A.1105)

Friedrich Adolf Krummacher, Das Wörtlein Und. Eine Geburtstagsfeier, Duisburg/Essen 1811 (3.A.4101)

Ignaz von Döllinger, Briefe und Erklärungen von I. von Döllinger über die Vaticanischen Decrete 1869–1887, München 1890 (3.A.9358)

Arturo Labriola, Riforme e rivoluzione sociale, Mailand 1904 (4.A.57)

Emile Verhaeren, Les Tendresses premiéres. Toute la Flandre, Bruxelles 1904 (4.A.6463)

Morgan Philips Price, The truth about the intervention of the allies in Russia, Belp-Bern 1918 (4.A.9016)

Émile Demange, Das Greisenalter. Klinische Vorlesungen, Leipzig/Wien 1887 (5.A.9772)

Karl Eduard Schimmer, Alt und Neu Wien. Geschichte der österreichischen Kaiserstadt, Bd. 1, Wien/Leipzig 1904 (5.A.9192)

Bernhard Duhr, Pombal. Sein Charakter und seine Politik nach den Berichten der kaiserlichen Gesandten im geheimen Staatsarchiv zu Wien, Freiburg i.Br. 1891 (4.A.6677)

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