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Die Ermordung des Gustav Adolf Gunkel

Ein Dresdner Mordfall im Künstlermilieu von 1901 macht 1947 Literaturgeschichte - und lässt sich 2020 online recherchieren.

"Die Dresdner gehen mit ihren Theaterhelden durch Dick und Dünn. ... Tritt hier ein Sänger oder Schauspieler nur irgendwie hervor, dann finden sich sofort Schwärmerinnen, ...die beglückt sind, wenn sie in seiner Nähe weilen dürfen, die glühende Briefe an ihn schreiben, ihn nach der Vorstellung am Ausgange mit Tücherwehen empfangen und nichts unversucht lassen, um vor allen Dingen von ihrem Ideal ein Autogramm zu erlangen“ (Dresdner Nachrichten vom 25. März 1901 unter Berufung auf einen Artikel des Berliner Lokal-Anzeigers).

Was war hier geschehen, dass es die Liebe der Dresdner zum Theater und namentlich den Künstlern im Frühjahr 1901 bis in die Berliner Presse schaffte?

Kurz: ein Mord.

Eine ältere Verehrerin tötete in der Öffentlichkeit einen Geiger der Dresdner Hofkapelle, der Fall ging nun durch die Blätter der Nation und regte die Phantasie allenthalben an.

Am Abend des 21. März 1901 kam an der Dresdner Hofoper August Bungerts Nausikaa zur Premiere, der 2. Teil einer Homer-Tetralogie, die der Komponist in Anlehnung an Wagners Ring des Nibelungen konzipierte, und deren vier Teile alle zwischen 1896 und 1903 in Dresden uraufgeführt wurden. Verhandelt wird in der Oper die Geschichte Nausikaas, der phaiakischen Königstochter, die den schiffbrüchigen Odysseus findet, sich in ihn verliebt – und in ihrem Werben unerhört bleibt. Auf der Bühne standen u.a. Karl Scheidemantel und Maria Wittich, unten im Orchestergraben saß an einem der ersten Geigenpulte Gustav Adolf Gunkel, 34 Jahre alt, ledig, seit 1884 Mitglied der Hofkapelle, hervorgetreten aber auch als Komponist einer Oper, die in Dresden aufgeführt wurde, mehrerer Lieder und Salonstücke, zudem als Kammermusiker bekannt und beliebt. Im Publikum, das die Oper frenetisch feierte, wiederum verfolgte Theresia Jahnel das Bühnengeschehen, geschiedene Direktorengattin der Österreichischen Nordwest-Dampfschifffahrt-Gesellschaft und seit einigen Jahren derart auf Gunkel, den Primgeiger und Kammermusiker, fixiert, dass sie ihm nicht nur teure Geschenke gemacht hatte und auf Schritt und Tritt gefolgt war, sondern sogar ihre Wohnung in seiner Nähe genommen hatte. Gunkel selbst scheint ambivalent auf dieses Interesse reagiert und zunächst geschmeichelt die Zuwendungen der reichen Gönnerin empfangen zu haben. Seine spätere deutliche Zurückweisung jedenfalls wurde von Theresia Jahnel nicht akzeptiert und mündete offenbar in einen Anschlagsplan, der am Abend der Nausikaa-Vorstellung – womöglich angeregt durch Bungerts Sujet – dann zur Ausführung kam.

In der Straßenbahn, die den Musiker nach der Vorstellung heim nach Blasewitz bringen sollte, bedrängte ihn die Verehrerin mit einem Blumenstrauß, unter dem sie, wie zuvor schon einige Male, zwei Pistolen versteckt hielt, zog sie, als er sich ihrer erwehren wollte, hervor und erschoss zunächst ihn, bevor sie die zweite Waffe auf sich selbst richtete. Das Eingreifen des Schaffners verhinderte indes ihren Suizid, sie wurde verhaftet, für geisteskrank erklärt und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen.

Der Fall machte Schlagzeilen weit über Dresden hinaus. In Berlin regte er obige Überlegungen zu den Dresdnern und ihrem speziellen Verhältnis zu Künstlern an, in Wien stieß er auf lebhaftes Interesse, gehörte Gunkel doch der Wiener Hofschneiderfamilie an, über deren Produkte Johann Nestroy 1844 dichtete: "Ich hab’ vierzehn Anzüg’, teils licht und teils dunkel, / Die Frack’ und die Pantalon, alles von Gunkel". Und in München schließlich fiel das Drama dem jungen Thomas Mann auf, der, auf der Suche nach Details für eine Novelle, seine Dresdner Kontakte aktivierte, um mehr zu dem Fall zu erfahren. Seinen ersten Plan, die Ereignisse für eine Erzählung „die Geliebten“ zu nutzen, verwirklichte er zwar nicht, eingegangen ist die Geschichte aber schließlich in seinen Doktor Faustus, wo Rudi Schwerdtfeger auf fast identische Weise von Ines Institoris erschossen wird (katalog.slub-dresden.de/id/0-1040405681/).

So mag Adolf Gunkel durch die besonderen Umstände seines Todes (die Dresdner Nachrichten beispielsweise berichteten mehrere Tage lang über den Fall) und deren Sublimierung in die Weltliteratur in Erinnerung geblieben sein - die SLUB bewahrt darüber hinaus aber auch Zeugnisse seines Lebens und Schaffens: seine gedruckten Werke, seine handschriftlichen Spuren im Orchestermaterial, Programmzettel der Veranstaltungen, an denen er als Kammer- und Orchestermusiker mitwirkte oder in denen seine Werke aufgeführt wurden. Und auch wenn für Tonaufnahmen Gunkels sein Tod zu früh kam - die anderen Stars des für Gunkel verhängnisvollen Abends können durchaus in der digitalen Mediathek gehört werden.

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