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Ich schreibe Dir aufs letzte Blatt

… weil ich Dich am liebsten hab! Solche Einträge lassen sich heute vielleicht noch in einigen Freundschaftsbüchern finden. Von welchem geschichtlichen Wert aber die Vorgänger der Poesiealben, sogenannte Stammbücher, sind und welche Entdeckungen man in ihnen machen kann, verrät ein Blick in die einzigartige Sammlung der SLUB.

Stammbücher oder auch Alba Amicorum haben, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht so scheint, nichts mit Stammbäumen und adeligen Erbfolgen zu tun, gleichwohl man in ihnen private wie berufliche Beziehungen ablesen kann. Entstanden sind die Stammbücher in Deutschland (sehr ausgeprägt war diese Tradition in Mitteldeutschland) im 16. Jahrhundert in der Studentenschaft. Dort war es üblich, z. B. in Büchern für das Studium Einträge von Professoren zu sammeln. Aus dieser Tradition entwickelten sich dann Exemplare mit zusätzlichen freien Seiten, die genau diesem Zweck dienten. Schließlich sind daraus eigenständige Bücher entstanden, in denen sich Lehrende, Gelehrte oder berühmte Persönlichkeiten verewigen konnten. Ganz uneigennützig war das Führen eines Stammbuches nicht. Es galt damals nicht als nostalgische Erinnerungsstütze an die Studienzeit, sondern auch als eine Art Empfehlungsschreiben, das für die späteren Jobchancen eine wichtige Rolle spielte. Vitamin B war nämlich schon damals von Vorteil: Wenn sich schon seinerzeit Berühmtheiten im eigenen Büchlein verewigten – gerade der Wittenberger Reformator Philipp Melanchton schien ein emsiger Stammbuch-Einträger zu sein – hatte man wahrscheinlich eine Sorge weniger. Deshalb war es auch nicht unüblich, zwei verschiedene Bücher zu führen. Eins, was den Weg in den beruflichen Erfolg ebnete und eins, was besser kein zukünftiger Arbeitgeber oder Gönner in die Finger bekommen sollte, wenn Kommilitonen ausführlich an Trinkgelage und wenig ruhmreiche Aktionen erinnern.

„Lebe glücklich frei von Schmerzen
Freue deines Lebens dich
und in deinem guten Herzen
bleibe stets ein Blatz für mich“

Parallel zu den Studenten entdeckten auch Adelige diesen Trend für sich und ließen bei Banketten z. B. die Wappen des Gastgebers und weiterer Gäste eintragen. In diesen Kreisen war das Führen eines Stammbuches wohl eher aus Prestigegründen populär  und es hingen nicht Lohn und Brot davon ab. Allerdings kann so noch heute nachvollzogen werden, mit wem die Hautevolee seinerzeit verkehrte … Oder wussten Sie, dass das Ehepaar Clara und Robert Schumann mit Joseph von Eichendorff und Johann Wolfgang von Goethe bekannt war oder zumindest um einen Stammbucheintrag gebeten haben musste?

Und auch im Bürgertum und dort insbesondere bei Frauen, kam das neue Hobby in Mode. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich eine ganze Industrie um die Verschönerung von Stammbüchern: Die kleinen Texte, Lebensweisheiten oder Sprüche konnten mit gekauften Scherenschnitten oder kleinen Illustrationen verschönert werden, wenn man nicht selbst zu Pinsel oder Feder greifen wollte. Und auch die Form war nicht mehr nur auf ein Buch beschränkt; in verzierten Schatullen fanden sich lose Blattsammlungen und kleine Gaben, wie eine Haarlocke, zur Erinnerung. Im 19. Jahrhundert verloren die Stammbücher an Bedeutung und wurden nicht auf die gleiche Weise aufwendig und akribisch geführt wie in den vergangenen Zeiten. Das heutige Poesiealben ist wohl noch am ehesten mit dem Album Amicorum vergleichbar, wobei der Trend mehr in Richtung der vorgedruckten Freundschaftsbücher geht.

Und heute?
Was fasziniert uns an den historischen Stammbüchern? Sie sind einmalige Zeitzeugen der Geschichte. Ob durch persönliche Anekdoten, Empfehlungen oder schlichtweg Grüße zur Erinnerung – sie lassen Rückschlüsse zu auf die Kultur und Gesellschaft in der Zeit, in der sie verfasst wurden: Welche Gelehrtennetzwerke gab es? Wohin führten Studienreisen? Wer kannte wen? Anders als in einem Tagebuch nehmen wir unterschiedliche Perspektiven ein und werden an die Hand genommen auf dem Weg durch persönliche Lebensläufe, historische Ereignisse, Moralvorstellungen und Beziehungen.

Die SLUB verfügt über einen der größten Bestände dieser Zeitdokumente in Deutschland. Die Sammlung umfasst knapp 500 Exemplare, die nach wie vor erschlossen und digitalisiert werden. Sie reichen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Es lohnt sich, einen Blick in den Verbundkatalog Kalliope zu werfen und SLUB-Sonderseiten zu diesem spannenden Thema zu besuchen. Worauf warten Sie noch, gehen Sie in den Digitalen Sammlungen nach Herzenslust auf Entdeckungsreise, denn hier treffen sich Philipp Melanchton, Robert und Clara Schumann, Johann Wolfgang von Goethe und Heinrich Schütz auf einen geistreichen Austausch.

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