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Kategorie: NS-Raubgut

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Zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Novemberpogrome

„Als ich etwa anderthalb Wochen danach noch einmal nach Pirna fuhr, war inzwischen die Grünspanaffaire erfolgt. Vor der Fahrt hatte ich eben bei Natcheff gehört, dass man die Nacht zuvor ‚spontan‘ die hiesige Synagoge niedergebrannt u. jüdische Fensterscheiben eingeschlagen habe. Ich brauche die historischen Ereignisse der nächsten Tage, die Gewaltmaßnahmen, unsere Depression nicht zu schildern. Nur das Engpersönliche und conkret Tatsächliche“,

 

Bild: Synagoge vor der Zerstörung (SLUB / Deutsche Fotothek)notierte Victor Klemperer am 22. November 1938 in sein Tagebuch. Klemperer, dessen Nachlass von der SLUB verwahrt wird, wurde im gleichen Jahr auch die Nutzung der Landesbibliothek untersagt. Der Gedanke an Auswanderung wuchs in ihm angesichts der Pogrome, die vor genau 80 Jahren stattfanden und in deren Folge in ganz Deutschland Synagogen brannten, jüdische Geschäfte zerstört und Menschen ermordet wurden.

 

In Dresden brannte in der Nacht vom 9. auf den 10. November das 1840 von Gottfried Semper errichtete Gotteshaus nieder. Zuvor plünderten SA, SS und NSDAP-Mitglieder das Gebäude. Während des Brandes hielten die Nazis die Feuerwehr vom Löschen ab. Bild: Hauptportal Neue Synagoge Dresden (SLUB/Deutsche Fotothek)Dank des engagierten Feuerwehrmanns Alfred Neugebauer konnte aber der Davidstern gerettet werden, der heute mahnend das Portal der neuen Synagoge Dresdens ziert. Die Ruine der Sempersynagoge wurde zwei Tage später gesprengt und die Kosten der Beseitigung der Trümmer der Jüdischen Gemeinde aufgebürdet. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 waren die diskriminierenden Maßnahmen gegen jüdische Bürger immer weiter verschärft worden. Die staatlich koordinierten Novemberpogrome 1938 sollte die schon im Frühjahr 1938 begonnene Enteignung der jüdischen Bürger beschleunigen.

 

Das Attentat Herschel Grynspans auf das NSDAP-Mitglied und Legationssekretär in Paris Ernst Eduard vom Rath nutzen die Nationalsozialisten als Vorwand für den antisemitischen Terror. Grynszpans Familie war im Zuge der sogenannten Polenaktion vom 28./29. Oktober nach Polen abgeschoben worden. Er selbst ist vermutlich 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet worden. Bild: Antisemitische Hetze im NS-Propagandablatt "Der Freiheitskampf" am 11. November 1938 (HAIT)„Das Maß ist voll!“, hetzte die NS-Propaganda-Zeitung „Der Freiheitskampf“ am 8. November 1938. Mit unverschleiertem Antisemitismus wurden Juden als „Kanaillen“, „Verbrecher“ und „Weltparasiten“ bezeichnet, denen gegenüber „keine Gnade am Platze ist“. Am Ende des Artikels die Drohung: „Deutschland wird nunmehr jene Konsequenzen aus dem feigen Mordanschlag ziehen, die nach Lage der Dinge unumgänglich geworden sind.“  Wie überall im Deutschen Reich organisierten sich SA- und SS-Verbände zur koordinierten Gewaltaktion gegenüber Juden, nachdem die Parteiführung Polizei und Feuerwehr zur Zurückhaltung aufgefordert hatte, damit sich die „Empörung des Volkes“, wie der "Freiheitskampf" am 11. November zynisch schrieb, entladen konnte.

 

Zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome erscheint erstmals eine umfassende Studie zu den Ereignissen in Sachsen. Das Projekt Bruch|Stücke von Daniel Ristau, in dessen Kontext in Kooperation mit der SLUB auch eine Onlinedatenbank entstand, untersucht antijüdische Kundgebungen in 50 kleineren und größeren Orten in Sachsen. Der Verein Stolpersteine für Dresden e.V. organisiert für den 9. November Mahnwachen. Dabei wird auch der Familie Kaps und Max Geyer gedacht, deren Bücher als NS-Raubgut in der SLUB identifiziert und restituiert wurden. Zusammen mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der TU Dresden arbeitet die SLUB an der Digitalisierung und Erschließung des nationalsozialistischen Propagandablattes "Der Freiheitskampf".

 

 

 

Der Text wurde verfasst und bearbeitet von den MitarbeiterInnen des Projektes "NS-Raubgut in der SLUB - Erwerbungen nach 1945": Elisabeth Geldmacher, Nadine Kulbe, Katrin Mai und Robin Reschke. Das Provenienzprojekt wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert.

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Von Autogramm bis Zugangsnummer. Provenienzmerkmale in der Deutschen Fotothek

5008 - Das ist die Anzahl der Provenienzmerkmale, die bisher in der Kollektion „Provenienzforschung“ der Deutschen Fotothek veröffentlicht wurden. Darunter findet sich von Autogramm bis Zugangsnummer alles, was Aufschluss über Besitzer, Nutzungen und Entstehungszeiten von Büchern gibt. Neben künstlerisch aufwändig gestalteten Exlibris bekannter Personen finden sich immer wieder Stempel längst vergessener Institutionen, Organisationen und Vereine. Kleine Zeichnungen, Notizen und Kommentare haben auch eine persönlichere Note und lassen den Menschen dahinter lebendig werden.

 

Bild: Provenienzmerkmale in der Kollektion „Provenienzforschung“ der Deutschen Fotothek

 

Weil diese Merkmale Hinweise auf frühere Besitzer geben, sind sie buch- und bibliotheksgeschichtlich von großem Interesse (Provenienzforschung). Sie können auch Indizien für unrechtmäßige Enteignungen im Zuge nationalsozialistischer oder stalinistischer Verfolgung (Raubgut) sein. Die Veröffentlichung der Bilder und ihre gleichzeitige Erfassung in der Gemeinsamen Normdatei (GND) dokumentieren Recherche- und Forschungsstände. Damit sind Informationen für alle Interessierten nachnutzbar. Zugleich steht die Kollektion auch anderen Institutionen offen: Die Veröffentlichung von Merkmalen aus den Beständen der Bautzener Stadtbibliothek ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit mit der SLUB. Knapp 200 Bautzener Merkmale sind bisher in der Deutschen Fotothek erfasst worden.

 

 Bild: Notiz von W. Albert, die (noch) nicht in der Deutschen Fotothek veröffentlicht wurde, da sich bisher der Verfasser nicht identifizieren ließ.

Provenienzmerkmale sind aber kulturgeschichtliche Wissenstanker: Neben Hinweisen auf Buchbesitzer und Nutzungszeiten ermöglichen sie Rückschlüsse auf Bekanntschaften und Netzwerke, historische Ereignisse oder auch auf Lesermeinungen:  Die Notiz in der llias von Homer legt die persönliche Einschätzung ihres Lesers W. Albert offen: „Gott sei Dank, daß der Große Schleim alle ist!“

 

 

 

Bild: Widmung Max Barthels an Traude KaschnerEine Widmung des "Arbeiterdichters" Max Barthel (1893-1975) an Traudel Kaschner offenbart eine freundschaftliche Beziehung: „Traudel Kaschner diesen schönen Roman weitergegeben am 17. April, als es in Dresden Bomben gab. Max Barthel 17.4.45, Dresden.“ Barthel thematisiert hier auch den letzten Bombenangriff auf Dresden am 17. April 1945. Die Widmung wird dadurch zu einem kurzen Zeitzeugenbericht, der über Max Barthel und Traudel Kaschner als zwei Überlebende des Bombardements und zugleich über den Weg und die Geschichte des Buches berichtet.

 

Seit Anfang dieses Jahres wächst die Zahl der in der Kollektion „Provenienzmerkmale“ dokumentierten Bilder stetig. Denn in dem aktuellen Projekt „NS-Raubgut in der SLUB (Erwerbungen nach 1945)“ werden nicht nur bislang ungeklärte Provenienzen identifiziert und Restitutionen durchgeführt – ein Mitarbeiter ist ausschließlich für die Dokumentation der Forschungsergebnisse durch GND-Sätze und Einarbeitung neuer Provenienzmerkmale in die Kollektion zuständig. Bis zum Ende des Projekts, das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und mit Eigenmitteln der SLUB gefördert wird, wird daher die Zahl der Provenienzmerkmale noch deutlich anwachsen und zukünftig hoffentlich noch viele Restitutionen ermöglichen, aber auch spannende und aufschlussreiche Einblicke in die Kulturgeschichte gewähren.

 

 

 

 Der Text wurde verfasst von den MitarbeiterInnen des Projektes "NS-Raubgut in der SLUB - Erwerbungen nach 1945": Elisabeth Geldmacher, Nadine Kulbe und Robin Reschke.

 

Lesen Sie in unserem SLUBlog hierzu auch:
> NS-Raubgut: Restitution an die Erben von Irene Kirschstein
> Restitution: SLUB übergibt drei Bücher aus dem Eigentum der Jüdischen Gemeinde Hamburg
> Gabel, Messer und eine Eule sind Zeugen

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Gabel, Messer und eine Eule sind Zeugen

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden geben gemeinsam Bücher an die Erben von Hedwig Hesse zurück.

Ein spannendes Exlibris hilft bei der Suche nach NS-Raubgut

„Aus meiner Bücherei. Hedwig Hesse.“ Diese Worte auf einem Exlibris benennen Hedwig Hesse als Eigentümerin der Bücher mit eben jenem Provenienzmerkmal. Besonders markant an diesem Exlibris ist die auf einer Gabel und Messer thronende Eule, die mit diesen überdimensionalen Werkzeugen Bücher zu verspeisen versucht. Und das Exlibris ist sogar signiert: Der Produktgestalter und Grafiker Adolf Behrmann, der 1903 bis 1933 in der Eisenacher Straße in Berlin-Schöneberg zu Hause war, schuf dieses Blatt für Hedwig Hesse im Mai 1918. Das Exlibris existiert in einer kleineren und größeren Variante.

Das Exlibris von Hedwig Hesse, links im Einband des Buches in SLUB und rechts im Einband eines der restituierten Bände der Berliner Staatsbibliothek.

Bereits bestehende Rechercheergebnisse zum Fall Hedwig Hesse belegen, dass so gekennzeichnete Bücher nicht im Besitz Hedwig Hesses oder ihrer Familie verbleiben konnten, sondern im Zuge der Verfolgungs-, Enteignungs- und Verwertungspolitik der Nationalsozialisten über Zwischenstationen in die Hände von Antiquariaten, Bibliotheken o.ä. gelangten.

Bekannt ist, dass Bücher deportierter Berliner Juden in der Städtischen Pfandleihanstalt gelagert wurden. 1943 kaufte die Berliner Stadtbibliothek ca. 40.000 dieser Bücher an. Von der Berliner Stadtbibliothek wiederum kauften oder tauschten andere Bibliotheken Bücher, sodass sich das Raubgut auf mehrere Bibliotheken in ganz Deutschland verteilte. Exemplarisch zeigen dies die Bücher aus dem ursprünglichen Besitz von Hedwig Hesse. Sowohl die Berliner Staatsbibliothek als auch die SLUB Dresden fanden in ihren Beständen Exemplare mit dem Exlibris Hedwig Hesses, die sie zuvor von der Berliner Stadtbibliothek angekauft hatten. Ihre Nachfolgeinstitution, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, aber auch die  Universitätsbibliothek Rostock fanden in ihren Beständen weitere Bücher aus dem Besitz Hedwig Hesses, die sie in den letzten Jahren restituierten.

Wer war Hedwig Hesse?

Hedwig Bachur kam am 8. Mai 1880 als Tochter von Siegfried Bachur und seiner Frau Fanny, geborene Levy, in Berlin zur Welt. Sie heiratete am 1. April 1905 Max Guido Hesse, Besitzer eines Verlages für Industriedruck in Berlin. Max Hesse wurde am 30. Juli 1880 in Leipzig geboren. Das Paar hatte drei Kinder: Peter, Susi und Walter. Die Familie lebte auf der Helmstedter Straße 5 in Berlin.Die Hesses wurden in Deutschland als Juden verfolgt. Die Kinder Peter, Susi und Walter Hesse konnten rechtzeitig nach Südafrika bzw. in die USA emigrieren. Hedwig und Max Hesse wurden zusammen am 19. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet.



Peter Hesse mit seinen Eltern Hedwig und Max in Berlin, ca. 1930
(Quelle: Familienbesitz)

Restitution an die Großenkelin

Aufgrund der Verfolgungsgeschichte der Familie Hesse und der nachweislich verdächtigen Zwischenstation mit der Berliner Stadtbibliothek konnten die Bücher von Hedwig Hesse als NS-Raubgut identifiziert werden. Am 14. August gaben die SLUB und die Berliner Staatsbibliothek in einer gemeinsamen Restitution insgesamt drei Bücher, davon zwei Romane aus „Engelhorns allgemeiner Romanbibliothek“ und Friedrich Freskas „Die Notwende“ an die Großenkelin Hedwig Hesses zurück.

 

 

Das Provenienzprojekt der SLUB wird gefördert durch:

 

 

 

 

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Restitution: SLUB übergibt drei Bücher aus dem Eigentum der Jüdischen Gemeinde Hamburg

Im Rahmen des derzeit an der SLUB durchgeführten Provenienzprojektes zur Überprüfung der nach 1945 erworbenen Bestände konnten im September 2018 drei Bücher identifiziert und restituiert werden, die aus der Bibliothek des Jüdischen Religionsverbandes Hamburg stammen. Für die Werke endet damit eine Odyssee, die am 9./10. November 1938 mit ihrer Beschlagnahme durch die Nationalsozialisten begann, zunächst nach Berlin, später nach Weißig und Hermsdorf in Sachsen führte und nach dem Zweiten Weltkrieg in Dresden ihr vorläufiges Ende fand.

 

 

Der Jüdische Religionsverband Hamburg wurde 1938 als Zusammenschluss der seit dem 17. Jahrhundert bestehenden Hamburger Einzelgemeinden gegründet. Auch die jüdischen Gemeinden Hamburgs und ihre Mitglieder waren ab 1933 nationalsozialistischer Verfolgung ausgesetzt. Nach dem Novemberpogrom 1938 ließ das Reichssicherheitshauptamt die Bibliotheken jüdischer Kultusgemeinden im gesamten Deutschen Reich sicherstellen. Ziel war der Aufbau einer „Gegnerbibliothek“.
Die Bibliothek des Jüdischen Religionsverbandes Hamburg zählte zu den ersten, die beschlagnahmt wurden. 1943 wurden die Bücher des Religionsverbandes der Hamburger Staatsbibliothek zum Kauf angeboten. Kriegsbedingt gelangten sie aber nicht mehr dorthin, sondern wurden im Sommer 1943 in die Schlösser Weißig (Abb. Deutsche Fotothek Dresden, 1963) und Hermsdorf (Abb. Deutsche Fotothek Dresden, 1949) transportiert.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Bücher mehrfach umgelagert, verblieben aber weiterhin auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone bzw. späteren DDR. Dank des unermüdlichen Einsatzes vieler Personen und Institutionen, insbesondere des Historikers Helmut Eschwege und der Jüdischen Gemeinde Dresden, gelang 1957 die Rückführung der Bibliothek nach Hamburg. Immerhin 70 Kisten wurden tatsächlich an die Hamburger Jüdische Gemeinde zurückgegeben. Aufgrund der vielen Umlagerungen und einiger Plünderungen tauchten aber in den Folgejahren immer wieder einzelne Bücher mit Provenienzmerkmalen aus Hamburg auf – so auch in den Beständen der SLUB.


Bei den nun identifizierten Werken handelt es sich um ein Buch über Max Liebermann (siehe Abb. rechts, 1927, 5.A.5968), ein Sachbuch über Palästina (siehe Abb. rechts, 1935, 33.8.2210) und ein anthropologisches Standardwerk (1903, 29.8.3590). Die Bücher tragen Provenienzmerkmale der Bibliothek des Jüdischen Religionsverbands Hamburg bzw. seiner Vorgängerin, der
Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburg, sowie der
Zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona. Zwei kaufte die Sächsische Landesbibliothek in den 1950er bzw. 1980er Jahren antiquarisch an, eins ging ihr als Geschenk im Jahr 1955 zu und stammt aus der Volksbücherei Hermsdorf.

 

Seit 2012 wird die historische Bibliothek der Jüdischen Gemeinde Hamburg als Depositum in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (SUB) auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages aufbewahrt. Dort werden die drei zurückgegebenen Werke den Bestand weiter vervollständigen.

 

Das Provenienzprojekt der SLUB wird gefördert durch:

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NS-Raubgut: Restitution an die Erben von Irene Kirschstein

Im aktuellen Provenienzforschungsprojekt zu sekundärem Raubgut an der SLUB konnte ein weiteres Buch an die Erben in der NS-Zeit verfolgter Familien zurückgegeben werden. Anhand eines erhaltenen Autogramms konnte das Buch "Jugend von heute" von Otto Ernst seiner ehemaligen Besitzerin Irene Kirschstein zugeordnet werden. Ende Juni 2018 erfolgte die Rückgabe an den Enkel.

 

Das Buch war zum Kriegsende 1945 Teil der Privatbibliothek eines Gärtnereibesitzers aus Brockwitz. Als dieser wegen seiner Nähe zum nationalsozialistischen Regime enteignet wurde, gelangten Teile seiner Büchersammlung in die Sächsische Landesbibliothek. Andere Fälle (Familie Kaps, Max Geyer) indizierten, dass die Bibliothek Verdachtsfälle auf NS-Raubgut enthält. Der Vergleich des Autogramms „Irene Kirschstein“ mit den Namen bekannter verfolgter Juden aus Dresden ließ einen erhöhten Verdacht entstehen.

 

Autogramm Irene Kirschstein (SLUB/ Deutsche Fotothek)

 

Zum Leben Irene Kischsteins

 

Am 14. Januar 1889 wurde Rose Irene Brasch als Tochter des Kaufmanns Moritz Marius Brasch und dessen Frau Charlotte, geb. Feldmann, in Dresden geboren. Zusammen mit dem aus Berlin stammenden Hans Kirschstein, den sie am 22. April 1919 geheiratet hatte, bekam sie zwei Kinder: Charlotte (1920–2008) und Peter (1922-?). Die Familie lebte auf der Wintergartenstraße 19 in Dresden. Hans Kirschstein führte die Tapisseriefabrik Kirschstein & Co GmbH, die sich zuletzt auf der Elisenstraße 20 befand und 1938 arisiert wurde.

 

Eintrag der Tapisseriefabrik Kirschstein & Co GmbH im Dresdner Adressbuch (1924/25).

 

 

Eintrag Hans Kirschsteins im Dresdner Adressbuch (1939).

 

 

 

Peter Kirschstein arbeitete in Leipzig in der Pelzbranche, bis er sich im Landwerk Neuendorf/Fürstenwalde auf die Emigration nach Palästina vorbereitete.

 

 

„Wahrscheinlich letzter Brief. Mach Euch keine Sorge bin stark und mutig. Meine Gedanken bleiben ständig bei Euch. Seid innig umarmt und geküßt von Eurem Mops.“ (Quelle: Buch der Erinnerung, S. 188.)

 

Diese Worte vom April 1943 sind die letzte Nachricht Peter Kirschsteins an seine Eltern Hans und Irene und seine Schwester Charlotte. Im September 1943 befand er sich bereits im Konzentrationslager Auschwitz, wo er mit großer Sicherheit ermordet wurde. Den anderen Familienmitgliedern gelang 1939 die Emigration nach La Paz, Bolivien. Hans Kirschstein verstarb 1960 in Bolivien, Irene Kirschstein im April 1973 in Frankfurt am Main.

 

Zwar konnte bisher nicht genau nachgezeichnet werden, auf welchem Weg das Buch von Irene Kirschstein in die Privatbibliothek des Brockwitzer Gärtnereibesitzers gelangte. Aufgrund der Verfolgungsgeschichte der Familie Kirschstein und der anderen Raubgut-Funde in der Büchersammlung entschied sich die SLUB zur Restitution. Dank der Unterstützung von Mitarbeitenden des Dresdner Gedenkbuchprojektes konnte Kontakt zu den Angeörigen Irene Kirschsteins hergestellt werden. Durch die Rückgabe des Buches mit dem Autogramm Irene Kirschsteins Ende Juni 2018 an ihren Enkel befindet es sich nun an seinem rechtmäßigen Ort.

 

Der Text wurde verfasst von den MitarbeiterInnen des Projektes "NS-Raubgut in der SLUB - Erwerbungen nach 1945": Elisabeth Geldmacher, Nadine Kulbe und Robin Reschke. Das Projekt wird gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.

 

 

Kleines Bild: Peter Kirschstein (Quelle: Buch der Erinnerung, S. 187.)