
© Galiani Berlin
Der Architekt Hermann Henselmann prägte mit seinem Schaffen seit den 1950er Jahren den Städtebau der DDR und gilt als einer ihrer einflussreichsten Architekten. Er wurde bekannt durch seine zahlreichen Stadthochhäuser unter anderem in Berlin, in Leipzig und in Jena. Sein Nachlass wurde 1988 noch zu Lebzeiten von der damaligen Sächsischen Landesbibliothek erworben.
Mit einem Architektenteam unter der Leitung Henselmanns entstand unter anderem von 1961 bis 1964 das Haus des Lehrers als erstes Hochhaus am Alexanderplatz in Berlin Mitte. In einem Beitrag für die Zeitschrift Deutsche Architektur erläutert er 1961 seine Ideen zur künstlerischen Gestaltung von modernen Bauwerken und stellt sich für das zu errichtende Objekt ein das Gebäude umlaufendes Bildband vor, welches farbig gestaltet und beleuchtet ist. Er regt an, dass nicht nur Architekten, sondern auch bildende Künstler die modernen Innenstädte gestalten sollten.
"Wir müssen neue Wege gehen! Die Architekten bei der Bindung der monumentalen Kunst an die Architektur – die Maler und Bildhauer in den artistischen Mitteln ebenso wie in der Struktur des Bildaufbaus" (Mscr.Dresd.App.2817,284)
Das Hochhaus wurde schließlich im Bereich der dritten und vierten Etage mit einem umlaufenden Fries ausgestattet, der vom Grafiker Walter Womacka (1925-2010) geschaffen wurde. Mit einer Höhe von sieben Metern und einer Länge von 127 Metern Länge zählt er zu den größten Einzelwerken der Bildenden Kunst in Europa. Das Haus gilt als typischer Bau der Nachkriegsmoderne, der im sogenannten Internationalen Stil gehalten ist, der sich durch die Verwendung von industriell hergestellten Baustoffen, eine kubische Formensprache und die Abkehr von historischen Stilen auszeichnet. Das Gebäude beheimatete ursprünglich neben verschiedenen Veranstaltungsräumen und einem Buchladen die Pädagogische Zentralbibliothek der DDR, eine der bedeutendsten erziehungswissenschaftlichen Bibliotheken Europas und steht seit den 1990er Jahren unter Denkmalschutz.
Bereits ab den 1950er Jahren wurde im Osten Berlins die Stalinallee, die heutige Karl-Marx-Allee, im Rahmen des Nationalen Aufbauprogrammes Berlin als Vorbild für die hauptstädtische Architektur und Stadtplanung neu gestaltet. Neben dem städtischen Verkehr sollte die Straße auch für Paraden genutzt werden. Als Krönung des Straßenzuges gelten die von Hermann Henselmann entworfenen Turmbauten am Frankfurter Tor, am östlichen Ende der Straße, und am Strausberger Platz, in westlicher Richtung zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor gelegen. Dafür erhielt Henselmann gemeinsam mit anderen an der Gestaltung der Stalinallee Beteiligten 1952 den Deutschen Nationalpreis 1. Klasse, der seit Gründung der DDR jährlich am 7. Oktober verliehen wurde. (Mscr.Dresd.App.2817,9)
Insgesamt umfasst sein Nachlass an der SLUB Dresden 37 Archivboxen mit etwa 4.100 Dokumenten. Weitere Nachlassteile befinden sich in Berlin im Archiv der Akademie der Künste.
Die Enkeltochter von Hermann Henselmann veröffentlichte 2025 den biographischen Roman Die Allee und erzählt über ihren Großvater und seine Arbeit, aber auch über das Leben ihrer Großmutter Irene, die auch gerne als Architektin arbeiten will, sich aber um die Familie und die acht Kinder kümmern muss, für die ihr Mann nicht die Zeit aufbringt und deren Tochter Isa, die sich nicht dem Lebensentwurf ihres Vaters unterwerfen möchte. In einer begleitenden Quellenpräsentation werden aus dem Nachlass Hermann Henselmanns unter anderem Originalunterlagen zum Haus des Lehrers, zur Neueröffnung der Bauhaus Universität Weimar 1946 oder zur Publikation Das große Buch vom Bauen von Irene und Hermann Henselmann zu sehen sein.
Mittwoch, 8. Oktober 2025, 18:30 Uhr, Klemperer-Saal: Lesung von Florentine Anders, Die Allee.



This article is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License
0 Comment(s)