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Kategorie: DDR

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Hauptsache gute Kunst – Hedwig Döbele vermacht der SLUB ihr Galeriearchiv

Ein Wintertag in Dresden-Blasewitz. Wir sitzen gemeinsam mit Hedwig Döbele in ihrer Galerie und blättern durch deren Gästebücher. Dabei erzählt sie Anekdote um Anekdote: von Ausstellungen, Starkünstlern und den alltäglichen Stolpersteinen im Galeriebetrieb.

 

Thomas Stern, Referatsleiter Handschriften, Seltene Drucke und Kartensammlung an der SLUB, mit Hedwig Döbele in deren Galerie.

 

Hedwig Döbele ist Galeristin – mit Leib und Seele. Seit über 40 Jahren hat sie ihr Leben der Kunst verschrieben. 1976 gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann in Ravensburg die Galerie Döbele und bietet seitdem ein außergewöhnliches Programm. Außergewöhnlich, weil in der schwäbischen Galerie neben anderem der Schwerpunkt von Anfang an auch auf ostdeutscher, vornehmlich Dresdner Kunst lag: Hermann Glöckner, Ernst Hassebrauk, Josef Hegenbarth, Curt Querner, Albert Wigand, Otto Dix, Willy Wolff, aber auch die damals jüngere Generation: Herta Günther, Wilhelm Müller, Carlfriedrich Claus, Hubertus Giebe, Eberhard Göschel, Angela Hampel, Ralf Kerbach, Siegfried Klotz, A.R. Penck, Max Uhlig, Gerhard Kettner, Werner Stötzer. Die Liste der Künstler liest sich wie ein ›Who is Who‹ ostdeutscher Kunstgeschichte. Nun übergibt Hedwig Döbele das Galeriearchiv, Zeugnis deutsch-deutscher Kunstgeschichte, der SLUB.

 

»Ich wollte immer unter Beweis stellen, dass Dresden schon damals ein Zentrum der Bildenden Kunst war. Der deutsche Osten war kein kulturelles Niemandsland«

 

Hedwig Döbele sah das Potential ostdeutscher Kunst auch für den westdeutschen Kunstmarkt. Damit hatte sie sich kein einfaches Feld ausgesucht. Ostdeutsche Kunst im Westen auszustellen und zu handeln, das hieß, man musste kreativ werden. Nichts ging ohne den Staatlichen Kunsthandel der DDR. Und der hatte im Allgemeinen eine andere Vorstellung als die Döbeles, was im Westen gezeigt werden sollte. Mit Hartnäckigkeit und Überzeugung fanden sie dennoch Mittel und Wege, die Künstler auszustellen, deren Kunst sie überzeugte und die in der DDR im offiziellen Kunstbetrieb nicht selten durchs Raster fielen. Es ging immer um Qualität. Und gute Kunst fand sich eben auch im Osten.

 

Gewidmete Zeichnung in einem Gästebuch der Galerie Döbele

 

Nach der Wende blieb Hedwig Döbele der Dresdner Kunst treu. Seit 1995 hat die Galerie, nun von ihr allein geführt, ihren Hauptsitz in der Elbestadt. Bis heute ist dort auch die Dresdner Kunst zu sehen. Nun beginnt die Galeristin, langsam an ein Leben nach der aktiven Galeriezeit zu denken. Dass das Galeriearchiv einen einzigartigen Einblick in deutsch-deutsche Kunstbeziehungen gewährt, ist ihr dabei bewusst. Die tiefe Verwurzelung in der Kunstszene Dresdens ließ die SLUB als geeigneten Ort erscheinen und so übergibt sie nun die Unterlagen und Korrespondenzen zu den Ausstellungen und Messeauftritten, zahllose Fotos und die Gästebücher mit gewidmeten Zeichnungen, Telegrammen und Medienberichten der Bibliothek, wo sie künftig für die kunsthistorische Forschung zugänglich sind. Ergänzend erhält die SLUB auch die Materialien, die nicht unmittelbar Dresden betreffen. Sie sind nicht weniger ergiebig und vermitteln ein Gesamtbild der seit 1976 aktiven Galerie in Deutschland.

Hedwig Döbele ist überzeugt, dass das Galeriearchiv in der SLUB gut aufgehoben ist.

 

»Wichtig war mir, dieses Stück Zeitgeschichte bestmöglich für die Nachwelt zu erhalten und zugänglich zu machen.«

 

Die Ausstellungs- und Messe-Ordner stehen bereits im Magazin am Zelleschen Weg. Nun beschriftet und sortiert Hedwig Döbele noch die Fotografien. Und auch darin ist sicher die ein oder andere Erkenntnis und Anekdote verborgen.

 

Text: Annemarie Grohmann und Simone Fleischer

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Punk und Kunst und Underground: Das usw.-Sonderheft zur Intermedia 1985 in Coswig

Seit Samstag gibt es im Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, was auf die Ohren und für die Augen: Die Ausstellung „Geniale Dilletanten“ führt die Besucher in die Subkultur der 1980er Jahre. Für die Dresdner Station wurde die Ausstellung um Positionen nonkonformer und alternativer Kunst der späten DDR erweitert. Im Fokus steht dabei die wegweisende „Intermedia I“, die 1985 in Coswig bei Dresden stattfand. Das multimediale Festival war geprägt von der wie selbstverständlich zelebrierten Vermischung verschiedenster künstlerischer Ausdrucksformen. Im Gegensatz zum offiziellen Kunstbetrieb, ganz in der Charakteristik der gegenweltlichen Kunstszene verschmolzen Graphik, Lyrik, Malerei, Performance, Musik, Tanz und Film zu einer gelebten und nicht mehr voneinander zu trennenden künstlerischen Einheit. Zwei Tage lang zelebrierten Maler und Filmemacher, Tänzer und Punkbands gemeinsam mit 1.000 Gästen die kollektive Grenzüberschreitung.

 

Die Dresdner Künstlerzeitschrift „usw.“ widmete diesem Ereignis noch im selben Jahr eine Sondernummer mit Texten und Fotos, die – wie auch die Aufnahme auf der dazu gehörenden Musikkassette – während des Festivals entstanden. Zusätzlich enthielt das Heft Xeroskopien schwarz-weißer Reproduktionen der Faltrollos, mit denen die Künstler, unter anderem Christine Schlegel, Veit Hofmann, Lutz Fleischer und Wolfgang Smy, die Räume in Coswig ausgestaltet hatten. Zwei dieser Rollos sind neben zahlreichen anderen Dokumenten und Kunstwerken in der Ausstellung zu sehen. In der SLUB kann man ergänzend dazu im Intermedia-Sonderheft blättern und in die Kassette reinhören, die beide seit 1986 im Bestand sind.

 

Der Herausgeber von „usw.“, Micha Brendel, bot der Sächsischen Landesbibliothek damals das Intermedia-Sonderheft zusammen mit weiteren Ausgaben der Zeitschrift zum Kauf an – ein Angebot, das die Bibliothek gern annahm, um damit, ergänzend zur Sammlung originalgrafischer Künstlerbücher, die Grundlage für eine Sammlung künstlerischer Kleinzeitschriften zu bilden. Die im kulturpolitischen Klima der späten DDR nicht ganz unproblematischen Erwerbungen nonkonformer, unangepasster Zeitschriften konnten bis 1990 und darüber hinaus fortgesetzt werden, was zu einem einzigartigen Bestand mit über zwanzig, größtenteils vollständig vorhandenen Zeitschriftentiteln führte.

 

Auf dem Fachinformationsportal arthistoricum.net finden Sie weitere Informationen zu den Künstlerzeitschriften der DDR im Bestand der SLUB. Das Intermedia-Sonderheft mit seinen Beilagen kann im Sondersammlungslesesaal eingesehen bzw. das Digitalisat der MC an der Medienstation angehört werden.

 

Fotos: Intermedia I. Sonderheft der Zeitschrift usw., Dresden 1985, Umschlagbild (Micha Brendel, Joerg Sonntag), Musik-Kassette, Foto: SLUB Dresden / S. Gude

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25 Jahre ist`s her: DDR-Alltag in Fotografien

Familienleben in Neubauwohnungen, fröhliche Pioniere, Soldaten an der innerdeutschen Grenze - im Bestand unserer Fotothek finden Sie zahlreiche Bilder, die den Alltag in der DDR zeigen und 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung Erinnerungen aufkommen lassen.

 

Einer, der die DDR-Wirklichkeit von Beginn der 1970er Jahre bis zur Gegenwart besonders umfassend dokumentierte und 1983 auf dramatische Weise aus der DDR floh, ist der Journalist und Fotograf Uwe Gerig, dessen umfangreiche Sammlung die SLUB 2007/2008 übernahm. Dazu gehören 75.000 Kleinbildfarbdias, 10.000 Mittelformatfarbdias, 25.000 schwarz/weiß Kleinbild-Negative und 25.000 Digitalaufnahmen, die das Zeitgeschehen in der DDR, an der innerdeutschen Grenze und an der Berliner Mauer dokumentieren.

 

Nach seiner Flucht, über die der Spiegel 2013 berichtete, dokumentierte Gerig die innerdeutsche Grenze bis über die Wiedervereinigung hinaus.

 

Darüber hinaus beinhaltet die Sammlung Porträts von Politikern und anderen Persönlichkeiten sowie Stadtansichten, Architekturaufnahmen, aber auch Straßenszenen, Märkte und Plätze mit Passanten, Straßenkünstlern, Bettlern und Touristen.

 

 

Bild oben: Aufnahme von 1986 an der innerdeutschen Grenze im Bereich Niedersachsen. Blick über die Mauer. Wenn der Mann (Ost) aus seinem Haus in den Garten tritt, steht er unmittelbar vor der letzten Mauer nach Westen. Uwe Gerig

2. Bild von oben: Aufnahme von 1985 in West-Berlin. Kinder im Stadtteil Spandau beim Spaziergang unmittelbar an der Mauer. Uwe Gerig

3. Bild von oben: Aufnahme von 1982. Im Zentrum von Erfurt befindet sich dieses "Seefischhaus", mit leeren Schaufenstern. Uwe Gerig

Bild unten: Aufnahme von ca. 1978: Die kriegszerstörte Frauenkirche mit dem Lutherdenkmal davor, Dresden. Uwe Gerig

 

 

 

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Georg Katzer wird 80 – Pionier der elektronischen Neuen Musik der DDR

Wir gratulieren Georg Katzer zu seinem Jubiläum mit einer Webseite, die die Noten-, Audio- und Foto-Bestände eines der prominentesten Komponisten der ehemaligen DDR in der Bibliothek zeigt. Zudem katalogisierte die Musikabteilung der SLUB 33 Kompositionsautographe, die sie bis 1991 erwarb - darunter die Kinderoper "Das Land Bum-Bum“ und das Ballett "Schwarze Vögel" - und die heute zum Archiv für zeitgenössische Komponisten zählen. Sie können diese Werke online im Internationalen Quellenlexikon der Musik (RISM) recherchieren.

 

In der Neuen Musikzeitung wird Georg Katzer 2005 von Gerhard Rohde wie folgt beschrieben: "Als Komponist hat Georg Katzer äußerst unterschiedliche Gesichter. Auf der einen Seite steht ein vitales musikantisches Temperament, die Lust am Virtuos-Spielerischen, die Erkundung differenzierter klanglicher Kombinationen; auf der anderen Seite wiederum das Bedürfnis, dies Lustvoll-Spielerische formal zu disziplinieren, es mit Expressivität aufzuladen und der Musik eine spezifische Sprachlichkeit zu verleihen." Ein Porträt mit O-Tönen finden Sie derzeit im Archiv von MDR Klassik.

 

Regimekritik versteckt sich in seiner Kinderoper "Das Land Bum-Bum" nach einem Märchen von Rainer Kirsch. Dort essen die Bewohner mit den Ohren, singen keine lustigen Lieder und das Wort «Lüge» dürfen sie nicht kennen. Die Hauptfigur Karl wird für ein lustiges Lied "Bum Bum Bum. Wir hören "st" wir hören "st". Will wer die Ordnung stören. Wir hören spät, wir hören früh, wir prüfen jede Melodie..." in den Kerker geworfen, der sich in einem riesigem Tunnelsystem befindet mit einer gigantischen Abhöranlage.

 

 

Das Land Bum Bum, Singspiel 1976. Partitur. SLUB: Mus.15450-F-502, S. 169 (Anhang)

 

 

Das Kompositionsautograph von dieser ganz besonderen Kinderoper "Das Land Bum- Bum", das am 30.September 1978 in der Komischen Oper Berlin unter der Regie von Joachim Herz uraufgeführt wurde, erwarb unsere Musikabteilung 1979 vom Komponisten. Seit 1964 entstand in der Musikabteilung der früheren Sächsischen Landesbibliothek Dresden das "Archiv Dresdner Komponisten des 20. Jahrhunderts". Es wurde Anfang der 1970er Jahre zum "Komponistenarchiv der DDR" erweitert, das vor allem Kompositionsautographe junger, aufstrebender Komponisten aufnahm. 1983 erhielt die frühere Sächsische Landesbibliothek Dresden den Status "Zentralbibliothek der DDR für Kunst und Musik", den sie bis 1990 behielt.

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Seltene Künstlerzeitschriften der DDR ersteigert

Die Sammlung originalgrafischer Künstlerzeitschriften der DDR und Wendezeit in der SLUB ist seit kurzem um einige interessante Stücke reicher. Bei der Sonderauktion "25 Jahre Mauerfall" des Berliner Auktionshauses Jeschke van Vliet konnten die letzte noch im Bestand fehlende Ausgabe des Mail-Art-Projekts UNI/vers(;) sowie vier Bodensatzbücher von Wolfgang Henne ersteigert werden.

 

 

Die Sammelmappen von UNI/vers(;)Visual and Experimental poetry portfolio, in Halle herausgegeben von dem chilenisch-deutschen Künstler Guillermo Deisler (1940-1995), enthalten Originalgrafiken vieler internationaler Künstler. Der Neuzugang Ausgabe Nr. 8 (1990) enthält vor allem Collagen, z. B. von G. & A. Wendelberger, J. Kowalski, U. Tarlatt, G. Deisler, B. Capatti, R. Vitale oder S. Nishumura.

 

Wolfgang Hennes Bodensatzbücher sind geprägt durch Serigraphien, Farblitografien und Linolschnitte. Ergänzt werden sie durch Seiten aus gemustertem Geschenkpapier und Collagen, z. B. unter Verwendung von Formularen oder Alltagsobjekten. Meist ist lediglich eine handschriftliche Textseite pro Heftedition enthalten, die collagiert und überzeichnet sein kann. Das neu erworbene Bodensatzbuch VIII enthält u. a. Fotodokumente einer Aktion, die Henne kurz vor Eröffnung der X. Kunstausstellung der DDR vor dem Dresdner Albertinum gemeinsam mit Michael Kunert durchführte.

 

Wolfgang Henne: Bodensatzbuch VII, Februar 1988, Ex. Nr. 13 von 25, Serigrafie

 

Seit den frühen 1980er Jahren entstanden solche Kleinzeitschriften in der DDR, vor allem in Dresden, Berlin und Leipzig. Schriftsteller, Maler und Graphiker, die den starren Forderungen der sozialistischen Kulturpolitik nicht mehr zu folgen bereit und aus der offiziellen Kulturförderung ausgeschlossen waren, schufen sich mit diesen originalgraphischen Heften Kommunikationsplattformen, über die sie Kontakte zu Gleichgesinnten pflegen und experimentelle Formen kreativer Zusammenarbeit aufbauen konnten. Bemerkenswert daran ist: Diese subversiven Künstlernetzwerke ähneln unseren heutigen sprichwörtlich "sozialen Netzwerken" in mancherlei Hinsicht. Sie arbeiteten kollaborativ und prozessorientiert – auch ohne Internet und Digitalisierung. In der DDR waren diese Aktivitäten jenseits des offiziellen Kulturbetriebs politisch nicht erwünscht und erforderten Risikobereitschaft. Einige mitwirkenden Künstler wurden inhaftiert oder ausgewiesen.

 

Die SLUB wird im Rahmen des DFG-geförderten Fachinformationsdienstes Kunst in den kommenden zwei Jahren neben den schon in arthistoricum.net digital erschlossenen Künstlerzeitschriften weitere originalgrafische, im Eigenverlag herausgegeben Materialien zur DDR-Kunst für die Forschung verfügbar machen. Durch ihre niedrige Auflagenhöhe besitzen sie heute einen außergewöhnlichen Seltenheitswert.