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Von Dresden nach Moskau und zurück - kriegsbedingt verlagerte Werke aus der SLUB werden digitalisiert

Hochkarätige Konzerte, Ausstellungen, ein Jazz-Festival, Lesungen, Diskussionen und Kongresse - beim International Cultural Forum in Sankt Petersburg sind an diesem Wochenende tausende Kulturschaffende aus aller Welt und prominente Vertreter aus Wirtschaft und Politik versammelt. Mit dabei: die SLUB.

Beim International Cultural Forum in Sankt Petersburg (c) International Cultural Forum

Beim International Cultural Forum in Sankt Petersburg (c) International Cultural Forum

Generaldirektor Achim Bonte und Vadim V. Duda, Generaldirektor der Russischen Staatsbibliothek Moskau, haben im Rahmen des Forums einen wegweisenden Kooperationsvertrag unterzeichnet. Erstmals werden dadurch kriegsbedingt verlagerte Dresdner Bibliotheksbestände digital allgemein zugänglich.

Ein neues Kapitel in den deutsch-russischen Beziehungen

Infolge des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmte die sowjetische Trophäenkommission ab 1945 zahlreiche Werke aus dem Bestand der Sächsischen Landesbibliothek. Die Objekte wurden zum größten Teil aus den Ausweichlagern in den sächsischen Schlössern und Rittergütern direkt über den Güterbahnhof Radeberg nach Russland gebracht. Ihr Verbleib ist bis heute nicht durchweg bekannt. Seit einigen Jahren arbeiten Vertreter deutscher und russischer Bibliotheken gemeinsam daran, die kriegsbedingt verlagerten Bestände zu lokalisieren und zu erschließen. Mit dem nun unterzeichneten Kooperationsvertrag zur Digitalisierung von 250 Musikhandschriften ist der SLUB und der Russischen Staatsbibliothek Moskau ein entscheidender nächster Schritt in der Zusammenarbeit gelungen.

„Damit gelingt es einer deutschen Bibliothek erstmals, in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Russland gelangte Werke über den Weg der gemeinsamen Erschließung und Digitalisierung wieder allgemein zugänglich zu machen. Wir sind zuversichtlich, dass dieses erste Digitalisierungsprojekt für künftige Vorhaben strukturbildend wirkt.“, freut sich Achim Bonte. "Wir hoffen, weitere Musikalien, aber auch Texthandschriften, Inkunabeln und ausgewählte Drucke des 16.-18. Jahrhunderts gemeinsam erschließen zu können."

Über siebzig Jahre nach Kriegsende schlagen die beteiligten Stellen damit ein neues Kapitel in den deutsch-russischen Beziehungen auf. Nachdem der deutsche Überfall auf die Sowjetunion unendliches Leid über das Land gebracht und viele russische Kulturgüter zerstört hatte, bedeutete die Rückgabe verschiedener Museums- und Bibliothekssammlungen an die DDR zwischen 1955 und 1959 eine Geste der Versöhnung. Darunter waren die Kunstschätze der Dresdner Gemäldegalerie und des Grünen Gewölbes sowie ausgewählte Materialien der Sächsischen Landesbibliothek. Die nun beschlossene Digitalisierung wird begleitet vom beiderseitigen Wunsch nach einem vertieften wissenschaftlichen und kulturellen Austausch.

Musikalien des Dresdner Hofes

Bei den überwiegend aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert stammenden Handschriften, die nun digitalisiert werden, handelt es sich um Musikalien des sächsischen Hofes - unter anderem Aufführungsmaterialien des königlichen Musiklebens in Warschau, Handschriften aus der Privatsammlung der Musikmäzenatin Kurfürstin Maria Antonia Walpurgis oder Kompositionsautographe der Prinzessin Amalie von Sachsen.

Die entstehenden Digitalisate werden im internationalen Quellenlexikon der Musik, RISM, erschlossen und mit den in der SLUB überlieferten und bereits digital zugänglichen Hofmusikalien zusammengeführt. Wissenschaftler, Musiker und alle Interessierten erhalten somit einen nochmals vollständigeren Blick auf die Musikpflege des Dresdner Hofes. Erschließung und Digitalisierung werden in den nächsten Monaten in Moskau und Dresden durch gemeinsame öffentliche Veranstaltungen begleitet.

Auch an dieser Stelle halten wir Sie selbstverständlich auf dem Laufenden.

Empfehlungen zum Thema:

Fünf Tage – Fünf Nächte
, deutsch-sowjetisches Nachkriegsdrama - Leo Arnstam (Hauptregie), Heinz Thiel und Anatoli Golowanow, DEFA und Mosfilm 1961. Der Film behandelt die Übernahme der Werke der Dresdner Gemäldegalerie „Alte Meister“ durch die Sowjetische Trophäenkommission aus einem Blickwinkel des Jahres 1961. Exemplar der SLUB

Aktuelle Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: Kunstbesitz. Kunstverlust. Objekte und ihre Herkunft (noch bis 25.3.2019). Weitere Informationen finden Sie hier.

2 Comment(s)

  • Peter
    20.11.2018 21:33

    Schön, dass es trotz politischer Spannungen noch eine gute Zusammenarbeit mit Russland in den Bereichen Kultur und Wissenschaften gibt.

    Wie sieht es eigentlich andersherum aus?
    Die deutsche Wehrmacht und SS hatten zahlreiche Kulturgüter - darunter auch Bücher, Handschriften u. andere Stücke aus Bibliotheken - aus der Sowjetunion geraubt, von denen einige immer noch nicht zurückgegeben wurden bzw. nicht zurückgegeben werden konnten, weil sie unerkannt in irgendwelchen Archiven liegen oder verschollen sind.
    Wird in Deutschland noch aktiv nach solchen geraubten Bücher, Handschriften und anderen Bibliotheksstücken gesucht? Werden diese digitalisiert und zurückgegeben?

    • Barbara Wiermann und Jana Kocourek (SLUB)
      22.11.2018 20:33
      NS-Raubgut

      @Peter, vielen herzlichen Dank für den Kommentar und die Gedanken zum Thema NS-Raubgut. Bei allen Gesprächen über kriegverlagerte Bestände haben wir die Zerstörung und den Raub von Kulturgut durch die deutsche Seite vor Augen. Eine Aufarbeitung dieses Unrechts ist für uns zentral.
      Seit 2009 betreibt die SLUB systematisch Provenienzforschung in ihren Zugängen der Jahre 1933 bis 1990. Aktuell arbeiten wir daran, in einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekt NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut in den nach 1945 inventarisierten Beständen zu identifizieren. Ausführliche Informationen finden Sie auf der Homepage: https://nsraubgut.slub-dresden.de/ns-raubgut/ (Ansprechpartnerin: Jana Kocourek). Bisher wurden in diesem Bestand wenige russische Provenienzen ermittelt (entsprechende Bilder von Provenienzmerkmalen sind ebenfalls auf der Website veröffentlicht), die gerade erforscht und dokumentiert werden. Sobald die Provenienzverläufe belegen, dass es sich um NS-Raubgut handelt, bemühen wir uns aktiv um die Ermittlung von Erben und/oder Rechtsnachfolgern und die Restitution (siehe auch die entsprechenden Beiträge hier im Blog). Bekannt ist ein größeres Konvolut von Karten und Plandarstellungen, von denen Teile aus Russland stammen könnten (siehe die Fundmeldung in der „Lost Art“-Datenbank: http://www.lostart.de/Webs/DE/Datenbank/ObjektgruppeFund.html?cms_param=OBJGRP_ID%3D25988) und deren Herkunft detailliert untersucht wird.