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Recherchen zu NS-Raubgut in der Zweigbibliothek Bergstraße – Was bisher geschah

Am 13. April 2022 ist Internationaler Tag der Provenienzforschung. An diesem Aktionstag beteiligen sich Wissenschaftler:innen weltweit, um das Spektrum der Herkunftserforschung an Kulturgütern in Bibliotheken, Museen und Archiven sowie die Methoden und Schwierigkeiten vorzustellen, um die gesellschaftliche und wissenschaftliche Bedeutung dieses Forschungsbereiches in den Mittelpunkt zu rücken. Das Team des NS-Raubgut-Forschungsprojekts an der SLUB informiert über den aktuellen Stand und erste Funde.

Wie bereits berichtet, werden im Zuge des vierten Provenienzforschungsprojekts an der SLUB Dresden seit September 2021 wieder Bücher hinsichtlich ihrer Vorbesitzer:innen und potenzieller NS-Raubgut-Verdachtsfälle geprüft. Diesmal stehen die Bestände der ehemaligen Universitätsbibliothek der Technischen Universität Dresden (UB) im Fokus, die 1996 mit der Sächsischen Landesbibliothek zur SLUB fusioniert ist. Anlässlich des diesjährigen Internationalen Tages der Provenienzforschung am 13. April 2022 geben wir einen Einblick, wie das Projekt gestartet ist und welche Funde es bisher gab.

Begonnen haben wir die Recherchen in der ehemaligen Zweigbibliothek Rechtswissenschaft (heutige Bibliothek Bergstraße), da hier schon in der Vorbereitung des neuen Projekts einige Stichproben einen NS-Raubgut-Verdacht und damit eine systematische Untersuchung aller relevanten Bände nahelegten. Mit der tatkräftigen Unterstützung von drei wissenschaftlichen Hilfskräften prüfen wir seit November 2021 alle Bücher, die vor 1945 erschienen sind.

Aktuelle Zahlen

Regalmeter für Regalmeter werden die entsprechenden Bände herausgenommen, aufgeschlagen, enthaltene Besitzspuren in der internen Forschungsdatenbank dokumentiert und fotografiert. Parallel zu dieser autoptischen Überprüfung schließen sich erste Recherchen an. Die bei Stempeln, Etiketten oder Autogrammen genannten Personen oder Institutionen bilden den Ausgangspunkt für die Suche nach biografischen Informationen. Wichtige Hilfsmittel sind dabei genealogische Datenbanken wie Geni.com oder Ancestry, aber auch Adressbücher, Matrikel von Universitäten, Dissertationsschriften, … - einbezogen werden all jene Quellen, die personenbezogene Informationen beinhalten können. Ergibt sich dabei ein Verdacht auf eine mögliche Verfolgung während der NS-Zeit, finden sich in den Digitalen Sammlungen von Yad Vashem, Arolsen Archives oder Holocaust.cz oft detaillierte Informationen zum Verfolgungsschicksal. Steht ein Anfangsverdacht im Raum, ist es ebenso wichtig, den Zeitpunkt des Vorbesitzes und den Zugangsweg in den Bibliotheksbestand möglichst genau zu rekonstruieren.

NS-Raubgut oder keines? Die Provenienzkette entscheidet

Durch den enthaltenen Stempel des Juristen Ernst Joseph Cohn (1904–1976) bestand zunächst bei dem Band Der fehlerhafte Staatsakt im Mobiliarvollstreckungsrecht von Erich Schwinge ein Verdacht auf NS-verfolgungsbedingten Entzug. Zwischen 1929 bis 1932 war Cohn an der Goethe-Universität Frankfurt am Main als Privatdozent tätig, habilitierte sich dort 1929 und hatte seit 1932 eine Professur an der Universität Breslau inne. Als Jude war er antisemitischen Anfeindungen durch Studierende ausgesetzt und wurde 1933 im Zuge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ als Jude zwangspensioniert. Cohn gelang 1933 die Emigration in die Schweiz und von dort 1937 nach Großbritannien. Die Beschriftung des Stempels benennt ihn als Privatdozenten, sodass sich das Buch nachweislich schon vor 1933 im Eigentum von Ernst Joseph Cohn befand und damit potenziell im Rahmen von dessen Verfolgung durch das NS-Regime entzogen worden sein könnte.

Die ebenfalls im Buch befindliche Widmung gibt einen weiteren Hinweis auf einen weiteren Vorbesitzer des Buches: „S. l. Koll. v. Hippel. E. C.“. Die Abkürzungen auflösend wird ersichtlich, das Ernst Cohn „seinem lieben Kollegen“ Fritz von Hippel (1897–1991) dieses Buch vermacht hat; wann ist unklar. Die Zuordnung des Widmungsschreibers Ernst Joseph Cohn und des Empfängers Fritz von Hippel ergibt sich aus der Bekanntschaft beider und deren zeitgleicher Tätigkeit an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Nach seiner Zeit in Frankfurt wechselte Fritz von Hippel 1941 als Professor an die Universität Marburg und 1951 an die Universität Freiburg. Mit diesem weiteren Glied in der Provenienzkette ist der anfänglich bestehende Verdacht auf NS-Raubgut entkräftet und kann zumindest für diesen Band ausgeschlossen werden. Für jedes weitere Buch, das den Stempel Ernst Joseph Cohns trägt, muss grundsätzlich von einem Verdachtsfall ausgegangen werden und der konkrete Werdegang geklärt werden.

Die Fallrecherchen zu den Bänden mit den Besitzspuren beispielsweise der Großloge Wien oder von Herman Veit Simon, bei denen ein starker Verdacht auf NS-Raubgut besteht, sind noch nicht abgeschlossen. Wie dazu die Provenienzrecherchen vorangehen, welche weiteren Fälle dazukommen und welche Bände zurückgegeben werden, berichten wir weiterhin hier im SLUBlog und auf unserer Projekt-Website.

Was ist alles los am Internationalen Tag der Provenienzforschung?

Lust auf mehr Beispiele von Provenienzrecherchen zu kolonialem, nationalsozialistischem Raubgut oder Enteignungen mit DDR-Kontext? Dann lesen Sie doch bei der Fallrecherche zum Stempel von „R. Berkovits“ von Nadine Kulbe, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Raubgut-Projekt der SLUB, weiter. Diese führte sie von Ungarn über das Lahmann-Sanatorium am Weißen Hirsch in Dresden bis in die USA. Oder schauen Sie einmal vorbei beim:

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