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Restitution von NS-Raubgut: SLUB gibt Bücher aus dem Eigentum württembergischer Freidenkerverbände zurück

Sechs Bücher aus dem Eigentum württembergischer Freidenker- und Monistenverbände konnten die Mitarbeiter:innen unseres NS-Raubgut-Projekts identifizieren. Die Bände waren 1933 von den Nationalsozialisten enteignet worden. Heute wurden sie an die Gemeinschaft Die Humanisten Baden-Württemberg K.d.ö.R. zurückgegeben.

Nadine Kulbe (SLUB) mit unserem Gast Andreas Henschel, Geschäftsführer "Die Humanisten Baden-Württemberg, K.d.ö.R."

Die Freidenker-Bewegung hat ihren Ursprung in der Zeit der Aufklärung im ausgehenden 17. Jahrhundert. Sie richtete sich gegen alle Autoritätsansprüche und stand für ein selbstständiges, selbstbestimmtes Denken, Leben und Handeln. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzten sich die Freidenker zunehmend für eine Trennung von Staat und Kirche ein. Sie zählen somit zu den religionskritischen und religionspolitischen Bewegungen, wozu auch die Lichtfreunde, die deutsch-katholischen bzw. freireligiösen Gemeinschaften, die sogenannten Monisten oder die Anhänger der Feuerbestattung gehören.

Der Württembergische Freidenker- und Monistenbund entstand nach dem Ersten Weltkrieg aus der Freireligiösen Gemeinde Stuttgart. In Baden-Württemberg gab es darüber hinaus zahlreiche kleinere Ortsgruppen und weitere freidenkerische Verbände, darunter der Deutsche Freidenkerverband mit Ortsgruppen in Cannstatt und Esslingen sowie der Verband für Freidenkertum und Feuerbestattung in Stuttgart. Sie alle wurden nach dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur 1933 verboten.

Einige der nun restituierten Bücher enthalten noch weitere interessante Provenienzen, nämlich Autogramme von Arthur Westphal und Hugo Levi-Lerse. Arthur Westphal wurde 1872 in Nagasaki (Japan) geboren, 1895 in Berlin zum Doktor der Chemie promoviert. Ab 1908 wohnte er in Frankfurt am Main und fungierte hier als Vorsitzender der örtlichen Freidenker-Vereinigung, bevor er 1911 nach Stuttgart zog und als Sekretär der deutschen Friedensgesellschaft tätig war. In Stuttgart lebte er bis zu seiner Emigration nach Mexiko im Jahr 1923, wo er 1932 starb.

Der jüdische Arzt Hugo Levi-Lerse wurde 1877 in Stuttgart geboren. Ab 1904 praktizierte er hier als Facharzt für Nervenheilkunde. Nach dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur emigrierte Levi-Lerse mit seiner Ehefrau Emma 1934 zunächst nach Paris und 1941 über Barcelona nach Argentinien. Dort starb er 1944 staaten- und weitestgehend mittellos.

Die Autogramme von Arthur Westphal und Hugo Levi-Lerse befinden sich in Büchern, die aus der Bibliothek des Württembergischen Freidenker- und Monistenbundes stammen. Es ist anzunehmen, dass sie als Geschenk dorthin gelangt sind. Bevor sich Westphal 1923 nach Mexiko einschiffte, hatte er sicher seinen Hausstand aufgelöst und seine Bücher entweder an den Freidenkerbund verkauft oder verschenkt. Zumindest besaß die Bibliothek des Bundes mehrere Bücher von Arthur Westphal, wie zwei weitere Funde in der Universitätsbibliothek Leipzig zeigen (Signaturen 62-8-5699, 61-8-6336). Warum Hugo Levi ein 1923 erschienenes freidenkerisches Buch über weltliche, „kirchenfreie“ Feiern besessen und hernach an den Württembergischen Freidenker- und Monistenbund abgegeben hat, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Die Abgabe muss aber vor der Emigration des Ehepaars Levi-Lerse 1934 geschehen sein.

Es ist nicht bekannt, wohin die Bücher der verschiedenen württembergischen Freidenkergemeinschaften nach ihrer Enteignung 1933 gelangten. Die Sächsische Landesbibliothek, die Vorgängerin der SLUB, erhielt sie zwischen 1960 und 1985 aus verschiedenen Quellen: Vom Zentralantiquariat der DDR bzw. als Geschenke von der Staatsbibliothek Berlin sowie der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände, die für die Verteilung von Büchern an die wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR zuständig war.

Die Rückgabe der sechs Bände erfolgt an Die Humanisten Baden-Württemberg. Die Gemeinschaft besitzt seit 1953 den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts und ist damit den in Deutschland anerkannten Religionsgemeinschaften gleichgestellt. Sie arbeitet und wirkt in der Tradition und Nachfolge der 1933 verbotenen württembergischen Freidenkergruppen.

Im Fall von erwiesenem NS-Raubgut betrachtet sich die SLUB als Nachfolgerin der SLB nicht als Eigentümerin der in ihrem Bestand befindlichen Objekte und bemüht sich um eine Rückgabe an die Eigentümer:innen bzw. oder um andere gerechte und faire Lösungen im Sinne der Washingtoner Erklärung von 1998.

Die restituierten Bücher

Gustav Müller, Die einzig mögliche und wahre Lösung der sozialen Frage. Ein Lichtblick in dem wirren Getümmel der Welt in der Gegenwart, Leipzig 1894 (3.A.9895)

Theodor Wolff-Thüring, Individualismus und Sozialismus, Berlin 1903 (34.8.8896)

Louis Satow, Weltliche Feiern. Ein praktisches Handbuch für kirchenfreie Lebensfeiern, weltliche Andachten und Feste, Leipzig 1923 (4.A.8589)

Angelica Balabanoff, Erziehung der Massen zum Marxismus, Berlin 1927 (34.8.7695)

Hermann Wendel, Die preußische Polenpolitik in ihren Ursachen und Wirkungen, Berlin 1908 (34.8.8894)

Peter Maslowski, Was ist die deutsche Zentrumspartei? Klerikalismus und Proletariat, Berlin 1925 (35.8.2671)

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