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Nachruf: Der Fotograf Martin Langer ist tot

Mit großer Betroffenheit haben wir vom Tod Martin Langers erfahren. Der großartige Foto-Satiriker und Sozialdokumentarist wurde nur 65 Jahre alt.

Von Nitram Regnal - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=109907374

Der Fotograf Martin Langer ist tot. Geboren 1956 in Göttingen, absolvierte er nach Schule und Wehrdienst zunächst eine Lehre zum Radio- und Fernsehtechniker, bevor er visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Bildjournalismus an der FH Bielefeld studierte. Schon während der Hochschulzeit entdeckte er den Themenbereich der Fotosatire; Komisches und Denkwürdiges aus Situationen herauszufiltern, gehörte zu einer seiner grundlegendsten Eigenschaften als Fotograf. So ging aus der humorvoll-zugewandten Beschäftigung mit seiner Studienregion die Serie „Das Land des Lächelns“ hervor, in der er den Alltag in Ostwestfalen Anfang der 1980er-Jahre aufs Korn nahm.

Seit 1984 arbeitete Langer, der mit seinen Bildern immer Stellung bezog, als Fotograf auch an politischen und sozialen Themen für Zeitschriften, Verlage und Organisationen wie Robin Wood und Greenpeace. Besondere Aufmerksamkeit erzielte seine Fotodokumentation über die Einnahme der Öl-Plattform Brent Spar durch die Umweltorganisation Greenpeace. Dafür erhielt er 1995 den Fuji Euro Press Photo Award.

Zu seinen bekanntesten sozial-dokumentarischen Reportagen zählt die im Auftrag des Spiegel fotografierte Schwarzweiß-Serie über die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992. Zum Sinnbild des „hässlichen Deutschen“ wurde die Aufnahme eines mit dem Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft gekleideten Mannes in einer vermutlich urinbefleckten Jogginghose, der die rechte Hand zum Hitlergruß erhob. Es wurde vielfach veröffentlicht und befindet sich in Sammlungen von u. a. dem Haus der Geschichte in Bonn und dem Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Martin Langer war ein kritischer und empathischer Beobachter des bundesrepublikanischen Alltags insbesondere der 1980er Jahre. „Da ist nichts nachgestellt, nichts inszeniert, jedes Bild entstand aus dem Moment heraus. Da läuft etwas ab im richtigen Leben und du grätschst rein, reißt die Leute aus ihrem Trott heraus“, hat er selbst seine Arbeitsweise beschrieben. Seine Themen, darunter die Situation der sogenannten Gastarbeiter:innen, von Spätaussiedler:innen oder Strukturen der Arbeitswelt, verfolgte er über längere Zeiträume, um sie dann in Serien zusammenzustellen.

In der Retrospektive verdichten sich Martin Langers Bilder zu einer Chronik zentraler gesellschaftspolitischer Themen, ohne dass er diesen Anspruch je selbst mit ihnen verbunden hätte. Fotografie war für Martin Langer vor allem ein Kommunikationsmittel. Mit seinen regelmäßigen Posts in sozialen Netzwerken bewegte er sich am Puls der Zeit und nutzte das Internet als Forum für aktuelle fotografische Kommentare zu Alltag und Gesellschaft.

Die Deutsche Fotothek hat seit 2020 rund 2.500 Digitalisate von Martin Langers Fotografien in ihrem Bestand, die einen Überblick über seine zentralen Arbeiten geben. Sie werden im „Archiv der Fotografen“ präsentiert. Der Pflege seines fotografischen Erbes fühlt sich die Fotothek auch zukünftig verpflichtet.

Ab 24. März 2022 sind Fotografien von Martin Langer in der großen Ausstellung des LVR-Landesmuseum Bonn zur Fotografie der 1980er Jahre zu sehen, „Deutschland um 1980. Fotografien aus einem fernen Land“.

 

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