SLUBlog

Permalink

Restitution von NS-Raubgut: Buch aus dem Eigentum Alfred Brods verbleibt auf Wunsch der Erb:innen in der SLUB

Die Mitarbeiter:innen unseres NS-Raubgut-Projektes konnten ein Buch aus dem Eigentum des Bankdirektors Alfred Brod ermitteln. Alfred Brod und seine Familie wurden als Juden und Jüdinnen verfolgt, in das Konzentrationslager Lodž deportiert und dort ermordet. Im Sommer 2022 restituierte die SLUB das Buch an seine Erb:innen, die sich für dessen Verbleib als Schenkung im Bestand der Bibliothek entschieden.

Alfred Brod / https://slubdd.de/holocaustcz

Alfred Brod / https://slubdd.de/holocaustcz

Alfred Brod wurde am 11. Februar 1887 als Sohn von Emilie, geb. Burger (1856–1937), und Joachim Brod (1846–1913) in Prag geboren. Er wuchs mit seinen acht Geschwistern – Adele (1881–?), Irma (1882–1942), Arthur (1883–1957), Malvine/Malvina (1885–1942), Markéta (1889–1942), Hedvika (1890–1942), Elsa/Else (1891–1941) und Hertha (1895–?) – in Prag auf.

Der Bankdirektor Alfred Brod war mit Zdenka Brodová, geb. Sternová (*9. Juni 1891), verheiratet und hatte mit ihr zwei Kinder: František (*9. Mai 1913) und Anna (*16. Juni 1924). Die Familie lebte in Prag. Alle vier Familienmitglieder wurden als Juden und Jüdinnen verfolgt und am 3. November 1941 von Prag in das Konzentrationslager (KZ) Lodž deportiert. Im Meldebuch werden sie unter der Wohnungsnummer 32 auf der Hamburger Straße 17 im KZ Lodž genannt.  Alfred Brod wurde am 2. oder 3. Juli 1942 ermordet. Das Meldebuch verzeichnet für Zdenka, František und Anna ein auf den 11. September 1942 datiertes, euphemistisches „Ausg[ezogen]“ – wahrscheinlich das Datum ihrer Ermordung.

Anhand von Dokumenten mit Autogrammen Alfred Brods konnte ein Schriftvergleich vorgenommen werden. Dieser bestätigte, dass es sich bei dem verfolgten und ermordeten Alfred Brod um den ursprünglichen Eigentümer des in der SLUB aufgefundenen Buches handelt.

Das Zugangsbuch der Sächsischen Landesbibliothek (SLB) aus dem Jahr 1954 weist keine Angaben zum Lieferanten des ersten Bandes von Gustav Meyrinks „Des deutschen Spießers Wunderhorn“ auf, in welchem sich der handschriftliche Eintrag Brods befindet. Das Buch enthält zudem einen Stempel des Landesvorstandes Sachsen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei um den Lieferanten an die SLB handelt. Im Jahr 1954 ging ein größeres Konvolut von Büchern, die alle den identischen FDGB-Stempel enthalten, in den Bestand der SLB ein. Einige der identifizierten Vorbesitzer:innen dieser Büchern wurden in das KZ Theresienstadt deportiert. Auch bei dem Buch aus dem Eigentum Alfred Brods besteht die Möglichkeit eines Zusammenhanges zu der Bibliothek in Theresienstadt: Die von den Häftlingen mitgebrachten Bücher wurden ihnen bei der Ankunft abgenommen und in die Bibliothek gebracht; der Bestand aber auch durch liquidierte Buchbestände aus dem besetzten Gebieten angefüllt.

Aufgrund des nachgewiesenen Vorbesitzes Alfred Brods und des Provenienzverlaufs, der einen Entzug durch das nationalsozialistische Regime nahelegt, ist das Buch als NS-Raubgut zu bewerten. Bei erwiesenem NS-Raubgut betrachtet sich die SLUB nicht als Eigentümerin der Bücher und strebt eine Restitution oder andere faire und gerechte Lösungen in Absprache mit den Erb:innen an. Auf Wunsch der Rechtsnachfolger:innen von Alfred Brod verbleibt das Buch als Schenkung im Bestand der SLUB.

 

Das restituierte Buch wurde in der SLUB Dresden im Rahmen des Provenienzforschungsprojektes „NS-Raubgut in den SLUB (Erwerbungen nach 1945)“ (Laufzeit 2017-2020) identifiziert. Das Forschungsvorhaben wurde vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste finanziert.

Weiterführende Informationen

Das restituierte Werk: Meyrink, Gustav: Des deutschen Spießers Wunderhorn. Band 1. München: Albert Langen, 1913.
Das Autogramm Alfred Brods: http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/90111757
Das Falldossier: https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-811524

0 Comment(s)

Kommentar

Kontakt

Kommentar

Absenden