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"Die sind doch durch und durch amusisch!"

Privatgeschichten, Dokumentationen, poetische Experimente – das sächsische Kurzfilmerbe ist reich an seltenen Diamanten. Einige von ihnen wurden kürzlich im Rahmen des Filmfestes Dresden vorgestellt – unter ihnen ein ganz früher Film des Dresdner Filmemachers Ernst Hirsch, der im Rahmen des "SAVE"-Programms digitalisiert wurde und in der Mediathek der SLUB abrufbar ist.

Frau betrachtet Elbhänge durch Smartphone auf den Terassen des Lingnerschlosses

Ganz im "Regionalen Fokus". Foto: FILMFEST DRESDEN

Beim 33. Filmfest Dresden, auf dem Lingnerschloss, im kleinen restaurierten Kinosaal des ehemaligen „Klubs der Intelligenz". Auftritt: Ernst Hirsch. Der Dresdner Kameramann hat am Vorabend seinen 85. Geburtstag gefeiert. Nun blickt er gemeinsam mit den Anwesenden weit, ganz weit in seine Filmemacherkarriere zurück, zu den allerersten Anfängen. Der damals Fünfzehnjährige drehte gemeinsam mit dem kaum zwei Jahre älteren Freund Hermann Zschoche den Viertelstundenfilm „Putti", eine Gemeinschaftsarbeit des sogenannten Laienfilmstudio des Kulturbunds Dresden.

Das kleine Mädchen Putti läuft durch Dresden, klaut Erdbeeren, wieselt durch den dichten Verkehr, amüsiert sich köstlich über eine feine Dame, die poschwenkend ihren Hund ausführt. Die ersten Schwünge von künstlerischer Handschrift sind hier schon zu erkennen, etwa wenn die Kamera auf den Rhythmus der Füße von Passanten hält oder charakteristische Figuren in gut choreographierten Schnitten zeichnet.

Von „Putti" aus lassen sich filmische Lebenslinien ziehen, etwa über den ein Jahr später anlässlich der 4. Weltfestspiele der Jugend und Studenten gedrehten Film „Wir alle zusammen“. Wie „Putti" ist dieser Film, der eine fiktive Jugendbrigade „Ernst Thälmann" im Reicker Stanzila-Werk porträtiert, im Rahmen des Programms „Sicherung des audiovisuellen Erbes in Sachsen" digitalisiert und in der Mediathek der SLUB zu finden. Mit Hilfe eines Außenseiters (Parole: „wie ein junger Mensch, der von der Schulbank an den Schraubstock kommt, von der Gemeinschaft erzogen wird") steigert die Brigade ihre Produktion und feiert die Übererfüllung des sozialistischen Plans (150%!) mit einem Ausflug auf die „Jugendburg Ernst Thälmann".

Dieser frühe Enthusiasmus von Ernst Hirsch und Herrmann Zschoche sollte bald empfindliche Dämpfer bekommen. Zschoches erster großer DEFA-Film „Karla“ (1965) wurde verboten und konnte 1990 erstmals aufgeführt werden. „Wie kann man denn einen solchen Film sehen und ihn dann verbieten? Die sind doch kunstfremd, amusisch, durch und durch amusisch!", erinnert sich Zschoche an seinen Eindruck von den damaligen Zensoren.

Und auch an einen anderen, späteren Film von Herrmann Zschoche musste ich denken: an „Sieben Sommersprossen", an die liebevoll gezeichneten Charaktere des Films, der 1978 in die Kinos kam und für Zschoche ein Vierteljahrhundert nach „Putti" den endgültigen künstlerischen Durchbruch bedeutete.

An die „Sommersprossen"-Filmmusik von Gunther Erdmann erinnerte auch die doppelbödige Live-Musik, die die Saxofonistin und Elektronikmusikerin Denise Frey zu „Putti" an diesem Abend schuf. Ein fantastisches Erlebnis, dieser erste Beitrag zu einem vieldimensionalen Abend mit dem Titel „Hüben wie drüben. Der private Blick in Filmen von 1952 bis 1977 aus Sachsen und Baden-Württemberg"*, den der Filmverband Sachsen, die SLUB und die Landesfilmsammlung Baden-Württemberg gemeinsam mitten ins Filmfest Dresden gestellt haben. Die Sommerferien werden nicht ausreichen, die vielen filmischen und musikalischen Impulse nachzurecherchieren.

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