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Aus Liebe zur Sprache: Zum Tod von Wulf Kirsten

Der 1934 in Klipphausen bei Meißen geborene Sohn eines Steinmetz hat stets seine Heimat zu einem Schwerpunkt seines vielfältigen literarischen Schaffens gemacht. Dazu zählen der Lyrikband „Die erde bei Meißen“ (Erde wirklich mit einem kleinen e geschrieben), aber auch seine Mitarbeit am „Wörterbuch der obersächsischen Mundarten“ und zahlreiche Prosatexte wie „Die Schlacht bei Kesselsdorf“. Auch als Verlagslektor  bemühte er sich als Herausgeber u.a. um Editionen sächsischer Autoren wie Heinz Czechowskis „Auf eine im Feuer versunkene Stadt“. Kirsten war aber auch ein exzellenter Kenner der deutschen Literatur, was sich in der Anthologie „Beständig ist das leicht Verletzliche. Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan“ niederschlägt. Sein Lebensweg lief alles andere als geradlinig zum Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Zum Handelskaufmann ausgebildet, war er zunächst als Bau- und Sachbearbeiter tätig. 1960 holte er das Abitur an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Leipzig nach, um anschließend an der dortigen Karl-Marx-Universität ein Pädagogikstudium für Deutsch und Russisch aufzunehmen. 1965-1987 arbeitete er im Weimarer Aufbau-Verlag und studierte 1969-1970 am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“, um dann als freischaffender Schriftsteller zu wirken. Sein literarisches Schaffen wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt, darunter der Peter-Huchel-Preis (1987), der Schiller-Ring (2002) und der Thüringer Literaturpreis (2015). Wulf Kirsten war immer bemüht, auf literarisch in Vergessenheit geratene Schriftsteller hinzuweisen. Ihm ist es zu verdanken, dass die damalige Sächsische Landesbibliothek 1987 den Nachlass des 1943 gefallenen Dresdner Schriftstellers Martin Raschke erwerben konnte.

Als 2019 der 90. Jahrestag des Erscheinens der Dresdner literarischen Zeitschrift „Die Kolonne“, die von Raschke und A. A. Kuhnert herausgegeben wurde, in einer festlichen Veranstaltung im Klemperer-Saal der SLUB gewürdigt wurde, war Wulf Kirsten dabei. Er hatte aus diesem Anlass im Sonderheft der Zeitschrift „Signum“ einen Beitrag unter der Überschrift „Ablehnung und Anlehnung“ veröffentlicht, in dem noch einmal sein beachtliches Wissen zum Ausdruck kam. Auch Mitarbeiter:innen der SLUB sind in diesem Heft mit mehreren Beiträgen vertreten.

Für alle Beteiligten war er ein großes Erlebnis, als er an diesem Tag aus seinen eigenen Texten las. Im anschließenden Gespräch war er offensichtlich so bewegt, dass er sagte: „Das ist mein letzter Besuch in Dresden, aber ich habe noch eine Überraschung für Sie. Ich schenke der SLUB einen Brief Raschkes aus meinem Besitz. Er gehört hierher und nicht in meinem Nachlass.“

Am 14. Dezember ist Wulf Kirsten in Bad Berka verstorben. Mit ihm verliert das literarische Deutschland einen bemerkenswerten Vertreter, dem die Liebe zur Sprache der Maßstab und das auslösende Moment für sein Lebenswerk war.

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