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Kategorie: NS-Raubgut

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Experten über die Schulter geblickt: Sprechstunde Provenienzforschung

Der Arbeitskreis Provenienzforschung e.V. hat für den 10.04.2019 den ersten Tag der Provenienzforschung anberaumt und möchte damit eine neue Tradition begründen: Der zweite Mittwoch im April soll künftig jedes Jahr so heißen und unter dem Hashtag #TagderProvenienzforschung für Aufsehen in den sozialen Medien sorgen.

 

Es geht darum, die gesellschaftliche und wissenschaftliche Relevanz dieses Forschungsfeldes stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken - ein Anliegen, dass die Fachleute in unserem Haus selbstverständlich teilen und gern unterstützen. Deshalb laden sie an diesem Tag zu einer "Sprechstunde Provenienzforschung". Um herauszufinden, was die Leute dort erwartet, habe ich mit Nadine Kulbe gesprochen, die bereits seit etwa 10 Jahren in der SLUB auf diesem Gebiet forscht.

 

Sie schilderte mir, wie so eine Recherche abläuft und was es mit dem so genannten "sekundären Raubgut" auf sich hat, dem sich ihr aktuelles Projekt widmet: Dabei geht es um unsere Erwerbungen nach 1945. Damals - nach dem Ende des Krieges - gelangte eine nicht unerhebliche Menge verfolgungsbedingt entzogener Bücher in die Bestände der sächsischen Landesbibliothek. Streng genommen gilt für alle Neuzugänge bis in die frühen 90er Jahre erstmal eine Art 'Generalverdacht' - über jeden Zweifel erhaben sind eigentlich nur Werke, die erst nach dem Krieg überhaupt erschienen sind.

 

Und wie ermittelt man nun die Vorbesitzer eines Buches? Hier kommen die berühmten Provenienzmerkmale ins Spiel, also Widmungen, Randnotizen, Bucheignerzeichen (Exlibris) u.s.w.

 

 

 

Dr. Max Hilzheimer - Zoologie-Professor, einst anerkannt und erfolgreich, wurde von den Nationalsozialisten aufgrund seiner jüdischen Abstammung seiner beruflichen Position beraubt. Ein Exlibris von ihm findet sich in diesem Buch. Auf welchen Wegen es in die SLUB gelangt ist, ist noch nicht endgültig geklärt.

 

 

 

Das Ziel der Recherche ist eine Art "Wiedergutmachung": Die geraubten Bücher sollen an die Vorbesitzer, deren Erben bzw. deren Rechtsnachfolger zurückgegeben oder andere so genannte 'faire Lösungen' gefunden werden.

Natürlich frage ich sofort nach einer Größenordnung: Wie viele verdächtige Fälle stehen denn hier ungefähr zur Debatte? Frau Kulbe erklärt mir, gegenwärtig gehe man von etwa 850 verdächtigen Provenienzmerkmalen aus. Und wie viele Restitutionen konnten bisher erfolgreich angebahnt und/oder abgewickelt werden? Etwa 20 - das klingt nicht viel, spricht aber deutlich für die Komplexitität jeder einzelnen Recherche. Sie zeigt mir einen recht unscheinbaren Bücherstapel: Diese Bücher werden aller Wahrscheinlichkeit nach in Kürze zurückgegeben, man sei mit den Betroffenen bereits in der Phase der Terminfindung.

 

 

Diese Bücher wurden als NS-Raubgut identifiziert und werden in nächster Zeit restituiert.

Und wenn ein Buch keine Provenienzmerkmale hat? Ist es dann ein hoffnungsloser Fall? Weit gefehlt, denn dann gibt es zum Beispiel noch Zugangsjournale und Akten im Bibliotheksarchiv, in denen vermerkt wird, wann und woher welche Bücher in unser Haus gekommen sind. Der Vermerk "von der Gestapo eingeliefert" ist natürlich ein deutlicher Hinweis - zumindest auf einen 'Verdachtsfall'. Von hier aus verläuft dann jede Recherche individuell, und nicht immer kann lückenlos aufgeklärt werden, wem ein Buch zu welchem Zeitpunkt gehört hat. Es gibt auch Fälle, in denen Raubgut klar als solches identifiziert, aber dennoch kein Vorbesitzer ermittelt werden kann. Diese Bücher verbleiben im Bestand, werden aber mit einem entsprechenden Katalogvermerk gekennzeichnet.

 

Schließlich frage ich, ob es eigentlich auch Fälle gibt, in denen die Erben der Betroffenen gar kein Interesse an einer Restitution haben. Frau Kulbe muss nicht lange überlegen: Eher nicht - die meisten Personen sind tief berührt von der Aussicht auf die Erbstücke ihrer Vorfahren, besonders wenn sich damit tragische Schicksale verbinden.

 

Diesen Mittwoch, am 10.04.2019, legen Frau Kulbe und Ihre KollegInnen aus dem "NS-Raubgut"-Projekt ihre Recherchen zwischen 10:00 und 16:00 Uhr auf Eis, um für Sie und Ihre Fragen da zu sein. Nutzen Sie diese Gelegenheit, direkt am Arbeitsplatz der ForscherInnen einen Einblick in ihren Arbeitsalltag zu bekommen! Eine kleine Ausstellung im Foyer der Zentralbibliothek, welche die Provenienzforschung an der SLUB vorstellt, wird dieses Angebot begleiten.

 

 

Treffpunkt für die Sprechstunde ist 10:00 Uhr und 13:00 Uhr im Eingangsfoyer (Treffpunkt Führungen). Aber: Die KollegInnen stehen in der Zeit von 10:00 - 16:00 Uhr auch auf Abruf für Sie zur Verfügung. Wenden Sie sich bei Interesse einfach an das Personal an der Servicetheke!

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NS-Raubgut in Bibliotheken: SLUB-Provenienzforschungsprojekt auf dem #BibTag19 weckt Interesse und macht Mut

Unter dem Titel "Kein Ende in Sicht?!" präsentierten unsere Kolleginnen Elisabeth Geldmacher und Nadine Kulbe letzte Woche auf dem Bibliothekskongress in Leipzig ihr aktuelles Forschungsprojekt: Seit September 2017 sondieren sie unsere Erwerbungen nach dem Kriegsende bis in die 1990er Jahre auf der Suche nach so genanntem 'sekundärem' Raubgut. Dabei handelt es sich um verfolgungsbedingt enteignete Bücher, die nach 1945 als herrenlose Bestände bzw. "geborgene" Bücher inventarisiert wurden und so in unseren Bestand übergingen.

 

Auf diese Weise schlossen viele Bibliotheken ihre durch den Krieg verursachten Bestandslücken. Mit ihrem Vortrag wollten unsere Kolleginnen auch anderen Häusern Mut machen, die Identifikation und Restitution solcher Raubgut-Bestände in Angriff zu nehmen - ein Anliegen, für das in aller Regel keine Eigenressourcen vorausgesetzt werden können, das aber eine realistische Chance auf Drittmittelfinanzerung hat.

 

 

 

Provenienzrecherchen zu NS-Raubgut-Verdachtsfällen sind in Deutschland hauptsächlich mittels Projektförderungen durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK) möglich. Aus diesem Grund widmete sich der zweite Teil des Vortrages den Herausforderungen und Chancen bei der Erstellung von entsprechenden Anträgen.

Die Suche nach NS-Raubgut in den Beständen beginnt in der Regel mit Zufallsfunden. Unsere Kolleginnen schilderten, dass sie den speziellen Vorteil hatten, auf bereits vorhandene Provenienzdaten zurückgreifen zu können, die im Rahmen eines vorangegangenen Projekts erhoben worden waren. Die fraglichen Bestände waren in diesem Zusammenhang bereits einer autoptischen Prüfung unterzogen worden und die Ergebnisse in einer Datenbank erfasst. Dabei waren Provenienzmerkmale aufgefallen, die auf NS-Raubgut hinwiesen: jüdische, gewerkschaftliche, religiöse, freimaurerische, SPD- oder KPD-Provenienzen. Diese Funde waren die Grundlage für einen Förderantrag beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.

 

Anfänglich - so schilderten die Kolleginnen eindrücklich - waren sie von 600 verdächtigen Provenienzmerkmalen ausgegangen, die zu überprüfen seien. Diese Zahl habe sich durch das Auftreten sogenannter Parallelprovenienzen (mehrere Provenienzmerkmale in einem Buch) inzwischen auf gut 1.000 erhöht.

 

 

 

NS-Raubgutforschung, so betonten die Referentinnen, werde aktuell von politischer wie von medialer Seite mit großer Aufmerksamkeit bedacht, und die Chance, die gut ausgebauten Förderstrukturen nutzen und damit Unrechtsfälle aufklären zu können, sollte nicht vertan werden. Diesem Befund habe das interessierte Feedback auf dem Bibliothekskongress in sehr erfreulicher Weise entsprochen, bestätigten die beiden engagierten Kolleginnen im Nachgang, und betonten, dass sie jederzeit als Ansprechpartner in Sachen Provenienzforschung und Drittmittelbeantragung zur Verfügung stünden.

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Zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Novemberpogrome

„Als ich etwa anderthalb Wochen danach noch einmal nach Pirna fuhr, war inzwischen die Grünspanaffaire erfolgt. Vor der Fahrt hatte ich eben bei Natcheff gehört, dass man die Nacht zuvor ‚spontan‘ die hiesige Synagoge niedergebrannt u. jüdische Fensterscheiben eingeschlagen habe. Ich brauche die historischen Ereignisse der nächsten Tage, die Gewaltmaßnahmen, unsere Depression nicht zu schildern. Nur das Engpersönliche und conkret Tatsächliche“,

 

Bild: Synagoge vor der Zerstörung (SLUB / Deutsche Fotothek)notierte Victor Klemperer am 22. November 1938 in sein Tagebuch. Klemperer, dessen Nachlass von der SLUB verwahrt wird, wurde im gleichen Jahr auch die Nutzung der Landesbibliothek untersagt. Der Gedanke an Auswanderung wuchs in ihm angesichts der Pogrome, die vor genau 80 Jahren stattfanden und in deren Folge in ganz Deutschland Synagogen brannten, jüdische Geschäfte zerstört und Menschen ermordet wurden.

 

In Dresden brannte in der Nacht vom 9. auf den 10. November das 1840 von Gottfried Semper errichtete Gotteshaus nieder. Zuvor plünderten SA, SS und NSDAP-Mitglieder das Gebäude. Während des Brandes hielten die Nazis die Feuerwehr vom Löschen ab. Bild: Hauptportal Neue Synagoge Dresden (SLUB/Deutsche Fotothek)Dank des engagierten Feuerwehrmanns Alfred Neugebauer konnte aber der Davidstern gerettet werden, der heute mahnend das Portal der neuen Synagoge Dresdens ziert. Die Ruine der Sempersynagoge wurde zwei Tage später gesprengt und die Kosten der Beseitigung der Trümmer der Jüdischen Gemeinde aufgebürdet. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 waren die diskriminierenden Maßnahmen gegen jüdische Bürger immer weiter verschärft worden. Die staatlich koordinierten Novemberpogrome 1938 sollte die schon im Frühjahr 1938 begonnene Enteignung der jüdischen Bürger beschleunigen.

 

Das Attentat Herschel Grynspans auf das NSDAP-Mitglied und Legationssekretär in Paris Ernst Eduard vom Rath nutzen die Nationalsozialisten als Vorwand für den antisemitischen Terror. Grynszpans Familie war im Zuge der sogenannten Polenaktion vom 28./29. Oktober nach Polen abgeschoben worden. Er selbst ist vermutlich 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet worden. Bild: Antisemitische Hetze im NS-Propagandablatt "Der Freiheitskampf" am 11. November 1938 (HAIT)„Das Maß ist voll!“, hetzte die NS-Propaganda-Zeitung „Der Freiheitskampf“ am 8. November 1938. Mit unverschleiertem Antisemitismus wurden Juden als „Kanaillen“, „Verbrecher“ und „Weltparasiten“ bezeichnet, denen gegenüber „keine Gnade am Platze ist“. Am Ende des Artikels die Drohung: „Deutschland wird nunmehr jene Konsequenzen aus dem feigen Mordanschlag ziehen, die nach Lage der Dinge unumgänglich geworden sind.“  Wie überall im Deutschen Reich organisierten sich SA- und SS-Verbände zur koordinierten Gewaltaktion gegenüber Juden, nachdem die Parteiführung Polizei und Feuerwehr zur Zurückhaltung aufgefordert hatte, damit sich die „Empörung des Volkes“, wie der "Freiheitskampf" am 11. November zynisch schrieb, entladen konnte.

 

Zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome erscheint erstmals eine umfassende Studie zu den Ereignissen in Sachsen. Das Projekt Bruch|Stücke von Daniel Ristau, in dessen Kontext in Kooperation mit der SLUB auch eine Onlinedatenbank entstand, untersucht antijüdische Kundgebungen in 50 kleineren und größeren Orten in Sachsen. Der Verein Stolpersteine für Dresden e.V. organisiert für den 9. November Mahnwachen. Dabei wird auch der Familie Kaps und Max Geyer gedacht, deren Bücher als NS-Raubgut in der SLUB identifiziert und restituiert wurden. Zusammen mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der TU Dresden arbeitet die SLUB an der Digitalisierung und Erschließung des nationalsozialistischen Propagandablattes "Der Freiheitskampf".

 

 

 

Der Text wurde verfasst und bearbeitet von den MitarbeiterInnen des Projektes "NS-Raubgut in der SLUB - Erwerbungen nach 1945": Elisabeth Geldmacher, Nadine Kulbe, Katrin Mai und Robin Reschke. Das Provenienzprojekt wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert.

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Von Autogramm bis Zugangsnummer. Provenienzmerkmale in der Deutschen Fotothek

5008 - Das ist die Anzahl der Provenienzmerkmale, die bisher in der Kollektion „Provenienzforschung“ der Deutschen Fotothek veröffentlicht wurden. Darunter findet sich von Autogramm bis Zugangsnummer alles, was Aufschluss über Besitzer, Nutzungen und Entstehungszeiten von Büchern gibt. Neben künstlerisch aufwändig gestalteten Exlibris bekannter Personen finden sich immer wieder Stempel längst vergessener Institutionen, Organisationen und Vereine. Kleine Zeichnungen, Notizen und Kommentare haben auch eine persönlichere Note und lassen den Menschen dahinter lebendig werden.

 

Bild: Provenienzmerkmale in der Kollektion „Provenienzforschung“ der Deutschen Fotothek

 

Weil diese Merkmale Hinweise auf frühere Besitzer geben, sind sie buch- und bibliotheksgeschichtlich von großem Interesse (Provenienzforschung). Sie können auch Indizien für unrechtmäßige Enteignungen im Zuge nationalsozialistischer oder stalinistischer Verfolgung (Raubgut) sein. Die Veröffentlichung der Bilder und ihre gleichzeitige Erfassung in der Gemeinsamen Normdatei (GND) dokumentieren Recherche- und Forschungsstände. Damit sind Informationen für alle Interessierten nachnutzbar. Zugleich steht die Kollektion auch anderen Institutionen offen: Die Veröffentlichung von Merkmalen aus den Beständen der Bautzener Stadtbibliothek ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit mit der SLUB. Knapp 200 Bautzener Merkmale sind bisher in der Deutschen Fotothek erfasst worden.

 

 Bild: Notiz von W. Albert, die (noch) nicht in der Deutschen Fotothek veröffentlicht wurde, da sich bisher der Verfasser nicht identifizieren ließ.

Provenienzmerkmale sind aber kulturgeschichtliche Wissenstanker: Neben Hinweisen auf Buchbesitzer und Nutzungszeiten ermöglichen sie Rückschlüsse auf Bekanntschaften und Netzwerke, historische Ereignisse oder auch auf Lesermeinungen:  Die Notiz in der llias von Homer legt die persönliche Einschätzung ihres Lesers W. Albert offen: „Gott sei Dank, daß der Große Schleim alle ist!“

 

 

 

Bild: Widmung Max Barthels an Traude KaschnerEine Widmung des "Arbeiterdichters" Max Barthel (1893-1975) an Traudel Kaschner offenbart eine freundschaftliche Beziehung: „Traudel Kaschner diesen schönen Roman weitergegeben am 17. April, als es in Dresden Bomben gab. Max Barthel 17.4.45, Dresden.“ Barthel thematisiert hier auch den letzten Bombenangriff auf Dresden am 17. April 1945. Die Widmung wird dadurch zu einem kurzen Zeitzeugenbericht, der über Max Barthel und Traudel Kaschner als zwei Überlebende des Bombardements und zugleich über den Weg und die Geschichte des Buches berichtet.

 

Seit Anfang dieses Jahres wächst die Zahl der in der Kollektion „Provenienzmerkmale“ dokumentierten Bilder stetig. Denn in dem aktuellen Projekt „NS-Raubgut in der SLUB (Erwerbungen nach 1945)“ werden nicht nur bislang ungeklärte Provenienzen identifiziert und Restitutionen durchgeführt – ein Mitarbeiter ist ausschließlich für die Dokumentation der Forschungsergebnisse durch GND-Sätze und Einarbeitung neuer Provenienzmerkmale in die Kollektion zuständig. Bis zum Ende des Projekts, das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und mit Eigenmitteln der SLUB gefördert wird, wird daher die Zahl der Provenienzmerkmale noch deutlich anwachsen und zukünftig hoffentlich noch viele Restitutionen ermöglichen, aber auch spannende und aufschlussreiche Einblicke in die Kulturgeschichte gewähren.

 

 

 

 Der Text wurde verfasst von den MitarbeiterInnen des Projektes "NS-Raubgut in der SLUB - Erwerbungen nach 1945": Elisabeth Geldmacher, Nadine Kulbe und Robin Reschke.

 

Lesen Sie in unserem SLUBlog hierzu auch:
> NS-Raubgut: Restitution an die Erben von Irene Kirschstein
> Restitution: SLUB übergibt drei Bücher aus dem Eigentum der Jüdischen Gemeinde Hamburg
> Gabel, Messer und eine Eule sind Zeugen

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Gabel, Messer und eine Eule sind Zeugen

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden geben gemeinsam Bücher an die Erben von Hedwig Hesse zurück.

Ein spannendes Exlibris hilft bei der Suche nach NS-Raubgut

„Aus meiner Bücherei. Hedwig Hesse.“ Diese Worte auf einem Exlibris benennen Hedwig Hesse als Eigentümerin der Bücher mit eben jenem Provenienzmerkmal. Besonders markant an diesem Exlibris ist die auf einer Gabel und Messer thronende Eule, die mit diesen überdimensionalen Werkzeugen Bücher zu verspeisen versucht. Und das Exlibris ist sogar signiert: Der Produktgestalter und Grafiker Adolf Behrmann, der 1903 bis 1933 in der Eisenacher Straße in Berlin-Schöneberg zu Hause war, schuf dieses Blatt für Hedwig Hesse im Mai 1918. Das Exlibris existiert in einer kleineren und größeren Variante.

Das Exlibris von Hedwig Hesse, links im Einband des Buches in SLUB und rechts im Einband eines der restituierten Bände der Berliner Staatsbibliothek.

Bereits bestehende Rechercheergebnisse zum Fall Hedwig Hesse belegen, dass so gekennzeichnete Bücher nicht im Besitz Hedwig Hesses oder ihrer Familie verbleiben konnten, sondern im Zuge der Verfolgungs-, Enteignungs- und Verwertungspolitik der Nationalsozialisten über Zwischenstationen in die Hände von Antiquariaten, Bibliotheken o.ä. gelangten.

Bekannt ist, dass Bücher deportierter Berliner Juden in der Städtischen Pfandleihanstalt gelagert wurden. 1943 kaufte die Berliner Stadtbibliothek ca. 40.000 dieser Bücher an. Von der Berliner Stadtbibliothek wiederum kauften oder tauschten andere Bibliotheken Bücher, sodass sich das Raubgut auf mehrere Bibliotheken in ganz Deutschland verteilte. Exemplarisch zeigen dies die Bücher aus dem ursprünglichen Besitz von Hedwig Hesse. Sowohl die Berliner Staatsbibliothek als auch die SLUB Dresden fanden in ihren Beständen Exemplare mit dem Exlibris Hedwig Hesses, die sie zuvor von der Berliner Stadtbibliothek angekauft hatten. Ihre Nachfolgeinstitution, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, aber auch die  Universitätsbibliothek Rostock fanden in ihren Beständen weitere Bücher aus dem Besitz Hedwig Hesses, die sie in den letzten Jahren restituierten.

Wer war Hedwig Hesse?

Hedwig Bachur kam am 8. Mai 1880 als Tochter von Siegfried Bachur und seiner Frau Fanny, geborene Levy, in Berlin zur Welt. Sie heiratete am 1. April 1905 Max Guido Hesse, Besitzer eines Verlages für Industriedruck in Berlin. Max Hesse wurde am 30. Juli 1880 in Leipzig geboren. Das Paar hatte drei Kinder: Peter, Susi und Walter. Die Familie lebte auf der Helmstedter Straße 5 in Berlin.Die Hesses wurden in Deutschland als Juden verfolgt. Die Kinder Peter, Susi und Walter Hesse konnten rechtzeitig nach Südafrika bzw. in die USA emigrieren. Hedwig und Max Hesse wurden zusammen am 19. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet.



Peter Hesse mit seinen Eltern Hedwig und Max in Berlin, ca. 1930
(Quelle: Familienbesitz)

Restitution an die Großenkelin

Aufgrund der Verfolgungsgeschichte der Familie Hesse und der nachweislich verdächtigen Zwischenstation mit der Berliner Stadtbibliothek konnten die Bücher von Hedwig Hesse als NS-Raubgut identifiziert werden. Am 14. August gaben die SLUB und die Berliner Staatsbibliothek in einer gemeinsamen Restitution insgesamt drei Bücher, davon zwei Romane aus „Engelhorns allgemeiner Romanbibliothek“ und Friedrich Freskas „Die Notwende“ an die Großenkelin Hedwig Hesses zurück.

 

 

Das Provenienzprojekt der SLUB wird gefördert durch: